Um 7:00 Uhr öffnen wir den Reißverschluss unseres Zeltes. Bereits 16 Grad zeigt das Thermometer, und obwohl die Sonne sich noch hinter einigen Wolken versteckt, liegt eine eigentümliche Schwüle in der Luft. Kein Lüftchen bewegt die Blätter der Bäume. Der Himmel wirkt unentschlossen. Zwischen Blau, Weiß und Grau scheint er selbst noch nicht zu wissen, ob er uns heute begleiten oder herausfordern möchte.


Der Campingplatz erwacht langsam zum Leben. Aus den Wohnmobilen dringt Kaffeeduft, irgendwo klappert Geschirr, und wenige Minuten später rollen unsere Räder bereits entlang des Starnberger Sees Richtung Norden.
Schon nach den ersten Kilometern macht sich eine Atmosphäre breit, die schwer zu beschreiben ist. Über dem See liegt eine beinahe ehrfürchtige Ruhe. Die Wasseroberfläche glänzt silbrig-blau in der Morgensonne. Die Stille wirkt fast demütigend. Sie wird nur durch vereinzeltes Vogelgezwitscher und das unablässige Zirpen der Grillen unterbrochen. Dann plötzlich zerreißt ein Geräusch die Ruhe. Mit hohem Tempo rauschen Rennradfahrer vorbei. Das Surren der Reifen, das Rattern der Ketten und das kurze Klacken der Schaltung hallen durch den Wald, bevor wieder Stille einkehrt.
Die Ufer des Starnberger Sees präsentieren sich von ihrer schönsten Seite. Prächtige Villen mit Türmchen, Parkanlagen und alten Baumbeständen wechseln sich mit modernen Neubauten aus Glas und Beton ab. Manche Anwesen wirken wie kleine Schlösser. Dazwischen liegen gepflegte Grünflächen, Badeplätze und Naherholungsgebiete, die bereits jetzt von Spaziergängern und Sonnenhungrigen genutzt werden. Die Radwege wechseln ständig ihren Charakter. Mal rollen wir entspannt über Asphalt, teilweise gemeinsam mit dem Autoverkehr, dann wieder führen die Wege durch Wälder und Parks über fein geschotterte Trassen.

Kurz darauf erreichen wir die Votivkapelle bei Berg. Für Kinder erklärt ist eine Votivkapelle ein kleines besonderes Gotteshaus. Menschen bauen sie oft, um Danke zu sagen oder an etwas Wichtiges zu erinnern. Diese Kapelle erinnert an König Ludwig II. und an die Ereignisse rund um seinen bis heute rätselhaften Tod.
Von dort führt die Strecke durch beeindruckende Buchenwälder. Die mächtigen Stämme ragen wie Säulen in den Himmel. Viele von ihnen sind dicht von Efeu umschlungen. Die Natur holt sich hier Stück für Stück ihren Raum zurück. Umgestürzte Bäume bleiben liegen, Totholz sammelt sich zwischen Farnen und Moosen. Der Wald wirkt vielerorts wie ein Urwald im Werden. Es riecht nach feuchter Erde, Pilzen und altem Holz.
Wenig später erreichen wir die Gemeinde Berg. Hier verbrachte König Ludwig II. am 13. Juni 1886 seine letzten Stunden. Nach seiner Entmündigung wurde er im Schloss Berg festgehalten. Gemeinsam mit seinem Arzt Bernhard von Gudden unternahm er am Abend einen Spaziergang entlang des Seeufers. Beide Männer kehrten nie zurück. Später wurden ihre Leichen im flachen Wasser gefunden. Die offizielle Version spricht von Selbstmord durch Ertrinken. Andere vermuten einen Fluchtversuch, einen Unfall oder sogar ein Attentat. Die Wahrheit nahm Ludwig wohl mit in die Tiefe des Starnberger Sees.
Schon Jahrhunderte zuvor war Berg ein beliebter Treffpunkt des Münchner Adels. Im 16. und 17. Jahrhundert feierten hier Fürsten, Herzöge und wohlhabende Kaufleute rauschende Feste direkt am Wasser.
Die Durchfahrt durch Starnberg selbst verlangt volle Aufmerksamkeit. Verkehr, Ampeln und zahlreiche Kreuzungen bestimmen das Bild. Vom See ist oft nur wenig zu sehen. Erst hinter der Stadt wird es wieder ruhiger. Kurz vor zwölf erreichen wir einen Biergarten in Possenhofen. Traditionen soll man pflegen. Also stehen wenig später Weißwürste, Brezeln und ein kühles Getränk vor uns auf dem Tisch.

Possenhofen ist weit über Bayern hinaus bekannt. Hier verbrachte Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt als Sissi, einen großen Teil ihrer Kindheit. Wer heute durch den Ort fährt, begegnet ihrem Namen noch an vielen Stellen.
Hinter Possenhofen wird die Strecke deutlich anspruchsvoller. Der zuvor so gemütliche Radweg verwandelt sich in eine kleine Abenteuerstrecke. Loser Schotter, tiefer Sand und dazwischen faustgroße Steine fordern volle Konzentration. Bergauf graben sich die Reifen ins Geröll. Bergab beginnt das Fahrrad gelegentlich ein Eigenleben zu entwickeln. Das Vorderrad versetzt mehrfach bedenklich. Die Arme arbeiten ununterbrochen gegen die Schläge des Untergrundes. Wer hier glaubt, entspannt rollen zu können, wird von der Strecke sehr schnell eines Besseren belehrt.
Dazu kommen zahlreiche Wanderer, Familien und Spaziergänger. Unsere Klingel hat heute beinahe Überstunden. Immer wieder ein freundliches Klingeln, ein Dankeschön, ein kurzes Lächeln. Genau so funktioniert ein gemeinsamer Weg.
Beim Kloster Andechs passieren wir eine kleine Klamm. Erstaunlicherweise führt sie Ende Mai kaum Wasser. Die Ursache liegt in den vergleichsweise trockenen Wochen zuvor. Viele kleinere Bäche der Region führen derzeit deutlich weniger Wasser als üblich. Mehrere umgestürzte Bäume liegen kreuz und quer in der Landschaft und zeigen eindrucksvoll, wie dynamisch Wald und Natur ständig im Wandel sind.

Am Nachmittag erreichen wir schließlich den Ammersee. Sofort fallen die Unterschiede zum Starnberger See auf. Während dieser tiefblau und beinahe majestätisch wirkt, schimmert der Ammersee in einem helleren Grün-Türkis. Das Sonnenlicht tanzt auf den kleinen Wellen. Es riecht nach Schilf, warmem Holz und frischem Wasser.
Immer wieder entdecken wir versteckte Wochenendhäuser direkt am Ufer. Einige Grundstücke besitzen sogar eigene Quellen. Das Wasser fließt von dort in kleinen Rinnsalen zum See und sorgt dafür, dass manche Wegabschnitte überraschend feucht und matschig sind. Auffällig sind auch die schmalen Gleisanlagen, die von vielen Grundstücken direkt ins Wasser führen. Über diese können kleine Boote bequem ins Wasser gelassen werden.
An einem dieser Wege entdecken wir das wohl wichtigste Schild des Tages. „Miteinander-Weg. Bitte Rücksicht nehmen.“ Eigentlich braucht es nicht mehr Worte. Radfahrer, Spaziergänger, Familien mit Kinderwagen und Hundehalter teilen sich dieselbe Strecke. Ein schöner Gedanke, der leider nicht jeden erreicht. Nur wenige Minuten später schießt ein Rennradfahrer mit geschätzt 60 Stundenkilometern an uns vorbei. Vermutlich war er fest davon überzeugt, dass die heutige Etappe der Tour de France direkt über den Ammersee führt.

Gegen Abend erreichen wir unseren Campingplatz. Die Begrüßung ist herzlich. Vorsorglich bauen wir unser Zelt in der Nähe der Sanitäranlagen auf, denn dunkle Wolken sammeln sich bereits am Horizont. Sollte heute Nacht ein Gewitter aufziehen, dürfte Zeus persönlich vorbeischauen. Die Griechen nannten ihren Gott des Himmels und der Blitze Zeus, die Römer verehrten ihn als Jupiter. Beide waren dafür bekannt, gelegentlich schlechte Laune mit Donner und Blitzschlägen zu unterstreichen.
Auf dem Campingplatz fällt uns eine ganz besondere Gruppe älterer Herren auf. Nahezu jeder trägt einen kunstvoll gezwirbelten Schnauzbart. Einer hat sich sogar König Ludwig II. großflächig auf die Wade tätowieren lassen. Die Herren sitzen gemeinsam in einem hölzernen Fass, das als gemütlicher Treffpunkt dient. Dort werden vermutlich seit Jahren sämtliche politischen, wirtschaftlichen und sportlichen Probleme Europas gelöst. Jeden Abend aufs Neue.
Unsere klare Essensempfehlung ist der direkt am Campingplatz gelegene Pavillon am See. Gutes Essen, freundlicher Service und ein herrlicher Blick auf den Ammersee machen den Besuch zu einem perfekten Tagesabschluss.
Zum Ende des Tages stehen wir noch einmal an einem Bootssteg direkt am Wasser. Dort begegnen wir den berühmten Ammersee-Nixen. Zumindest behauptet das ein älterer Herr mit besonders beeindruckendem Schnauzbart. Er erklärt uns mit vollkommen ernster Miene, dass die Nixen tagsüber regungslos auf den Pfählen des Steges sitzen und so tun, als wären sie nur harmlose Figuren. Nachts jedoch würden sie ihre eigentliche Arbeit aufnehmen. Sie kontrollieren den Strand, zählen die Boote, überprüfen die Wasserqualität und achten darauf, dass niemand heimlich die letzten Weißwürste aus den Kühltaschen stiehlt.

Eine besonders strenge Nixe sei angeblich für falsch geparkte Tretboote zuständig. Eine andere kontrolliere, ob das Bier am See ausreichend gekühlt ist. Wer dagegen verstößt, müsse angeblich am nächsten Morgen zur Strafe zehn Kilometer Gegenwind ertragen.

Wir lachten über die Geschichte und verabschiedeten uns. Doch als wir später noch einmal zum See hinüberblicken, waren wir uns plötzlich nicht mehr ganz sicher. Irgendetwas bewegte sich dort draußen auf dem Steg. Vielleicht war es nur eine Möwe. Vielleicht auch eine Nixe bei der Nachtschichtkontrolle.
Man weiß es nicht.
Am Ende dieses ersten Tages liegen Seen, Wälder, königliche Geschichten, anspruchsvolle Schotterpisten und viele Eindrücke hinter uns. Die Beine sind angenehm schwer, die Hände erinnern sich noch an manche holprige Abfahrt, und während über dem Ammersee die ersten fernen Donner grollen, wächst bereits die Vorfreude auf das nächste Abenteuer im Alpenvorland.

2 Antworten zu “1. Tag Se(h)enrunde im Alpenvorland”
Das hört sich ja richtig gut an. Ich wünsche weiterhin eine gute, sichere Fahrt.
Liebe Elisabeth,
vielen herzlichen Dank für deine lieben Wünsche. Es freut mich sehr, dass dir der Bericht gefallen hat. Genau solche Rückmeldungen sind unterwegs eine zusätzliche Motivation, die Eindrücke und Erlebnisse mit euch zu teilen.
Bislang meint es das Alpenvorland gut mit uns, und wir hoffen, dass das auch auf den kommenden Kilometern so bleibt. Die Landschaft ist traumhaft, die Begegnungen herzlich und jeden Tag gibt es neue kleine Geschichten zu erzählen.
Ich freue mich schon darauf, dich beim nächsten Parkrun wiederzusehen. Bis dahin wünsche ich dir eine gute Zeit, viele schöne Laufkilometer und vor allem Gesundheit.
Sportliche Grüße
Robert