D – 22.05.2021 Lohfelden nach Beisefört ca. 50 km

Das Wetter soll mir heute egal sein.  Erst einige Stunden vor der geplanten Anfahrt zur ersten Radeltour mit einer Übernachtung in meiner 1000000 Sterne Herberge habe ich mich so richtig damit beschäftigt. Wind aus Süd-Ost mit 34 kmh und vereinzelt Starken Böen. Ich musste nicht auf die Karte schauen. Wie immer Gegenwind. Nur eben dieses Mal stärker. Bin ich vor einer Woche am Vaddertach noch mit Schiebewind die 80 KM  in weniger als 4 Stunden an der Fulda und Weser nach Bad Karlshafen geradelt so bekam ich heute den körperlichen Ausgleich. Fur die 50 Km benötigte ich 3.5 Stunden. Die Pause nicht mitgerechnet. Reise Radler waren heute keine Unterwegs. Insgesamt zählte ich 8 gemütlich dahineilende Freizeitradler, zwei davon ohne Akku. Die vorhergesagten Regenschauer blieben bis kurz vor dem CP aus. Ein Supermarkt in Malsfeld glaube ich bot mir für 40 Min ein trockenes Plätzchen. Ich schaffte es dann doch noch mein Zelt im Trockenen aufzubauen. Als ich nach einem kleinen Nickerchen aufstehe, dämmere ich noch in der Ruhe angenehm vor mich hin. Glückselige Aussicht: Was wird der Abend mir noch bringen? Niemand ist auf dem Platz zu sehen. Die Fulda und ein angrenzender See ruhen fliesend in sich, sie haben keine Aufgabe zu erfüllen, kein Bedürfnis zu befriedigen, keinen Gruß zu erwidern. Eventuell  ein paar abendliche Verneigungen vor den Majestätischen Schwänen  und einem einer schnatternden Entenfamilie. Meine Kunststoffhülle ist der Ort des Schritts zur Seite. Der Hafen der Leere, wo man nicht gezwungen ist, auf alles um einen herum zu reagieren. Wie kann ich die Annehmlichkeit dieses Tages bewerten, frei von jedem Zwang, auf Fragen zu antworten? Mir wird jetzt der aggressive Charakter einer  un- oder gewollten Unterhaltung klar. Indem der andere vorgibt, sich für einen zu interessieren, zerbricht ein Gesprächspartner die Stille, dringt an den fremden Takt der Zeit vor und nötigt einen, auf das zu antworten, was erfragt wird. Welch Floskeln, welche Phrasen  werden abgespult. Jeder Dialog ist ein Kampf. Eine Art Selbst-(ein)(Ver)mauerung gehört zu dem ersten Instinkt in diesem Moment. Werde ich es erlauben, dass mich ein fremder Gedanke heimlich und ungewollt über meine eigene Mauer meines eigenen Wollens bringt? Jetzt ist doch genau der Moment, wo ich das Höchstmaß an Freiheit besitze. Jedes Verlangen ist mir fremd. Nur das Bedürfnis von Essen, Trinken , Wärme und  Ruhe bleibt in mir. Habe ich den alten Chinesen in mir geweckt? Die großen weißen Hunde des Betreibers bellen Laut und unaufhaltsam. Das stört. Sie reagieren unmerklich auf die lauten Rufe von Herrchen und Frauchen. Die sind doch ganz lieb und wollen nur schnuppern….  glaube ich gehört zu haben oder bilde ich es mir aus Gewohnheit schon ein. Was will der den hier. Wir sind hier doch Zuhause soll es vielleicht bedeuten. Schon wieder bin ich in meiner Gedankenachterbahn angekommen. Es ist nicht gut sich darüber keine Gedanken zu machen. Wer aufhört zu denken verliert sich in sich selbst. Eine Motorsäge mischt sich in die Stille und bringt mich wieder zurück. Leichter Regen niesselt auf mich. Die  Blätter der noch jungen Eiche bieten mir nicht sehr viel Schutz. Ein jammernder Kantenschneider unterstützt die Kettensäge. Der Raum und die Zeit gehören hier nicht nur mir alleine. Ich darf mich mit der Umwelt Teilen. Angler werfen ihr Ruten aus. Zu zweit sitzen sie am Fluss. Sie reden unaufhaltsam und über für mich unnötige Themen. Sie lenke mich ab. Das will ich gar nicht hören. Für die beiden ist es wichtig. Warum sitzen sie hier? Ist der Lohn des Geredes ein kleiner Fisch? Ist das ihre Motivation? Es kommen autarke Wohnmobile dazu. Auch hier die vielen Gespräche der sich noch fremden Menschen. Haben diese Gespräche alle einen Sinn und welchen Zweck erfüllen sie – müssen nose einen Sinn haben? Jetzt, später, irgendwann, machen sie glücklich oder werden sie gar nicht mehr wahrgenommen. Wer erinnert sich noch daran. In ein paar Sekunden, Minuten, Stunden  oder …? Wer kann es mir sagen? Ich blicke zum Himmel. Die Wolken ziehen blaugrau vorüber. Keine Chance für die Sonne ihre Wärmenden Strahlen zu mir zu schicken. Der Wind treibt sie in meine Fahrtrichtung. Werden sie morgen auch noch dahin getrieben? Bekommt die Sonne die Gelegenheit mich mal zu grüßen?  Jetzt fällt mir auf, dass meine Herberge nicht zu den ersten Sonnenstrahlen des Tages ausgerichtet ist. So werde ich sie morgen nass einpacken müssen. Warum ist da passiert? Ist es diese Frage wert das ich mich intensiver mit ihr beschäftige? Einfach den Gegebenheiten seinen Raum lassen. Die Schwäne kommen näher. Sind sie zufrieden, satt und haben sie genug Wärme? 

Zwei niederländische Kanufahrer kommen bei Einbruch der Dunkelheit von Nordosten als gegenden Strom her an. Sie schlagen ihr Lager auf einer Weide in der Nähe auf 200 Meter von meinem Zelt entfernt, und kommen dann zur Gaststätte mit ihrer elektronischen Ausrüstung, um sie an den Eneriespendenden Dosen aufzuladen. Ich muss ihre Fotos, ihre Filme anschauen, Internetadressen werden ausgetauscht. Wenn man heute jemanden trifft, notiert man sich gleich nach dem ersten verbotenen Händedruck und einem flüchtigen Blick Namen von Webseiten und Blogs auf dem Smartphone. Die Bildschirmsitzung hat das Gespräch ersetzt. Nach der Begegnung wird man sich weder an Gesichter noch an Stimmen erinnern, aber man hat Karten mit Nummern drauf. Die menschliche Gesellschaft hat ihren Traum verwirklicht: wie die Ameisen die Antennen aneinanderzureiben. Eines Tages werden wir uns damit begnügen, einander zu beschnuppern. Es wird Zeit, der Zeit ihren Raum zu geben. Morgen geht es wieder zurück. Ein kleiner kurzer Ausflug in mich geht dann zu Ende. Leise und still wie die Enten und Schwäne vorüberziehen lasse ich den Abend und die Nacht von mir Besitz ergreifen. Die Kirchenglocken läuten den nasskalten Abend und die kommende Nacht ein. 

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