Goslar, 03.05.2026 Wenn Mauern wieder sprechen: Ein Wiedersehen im „Kaiser Worth“


Ein spontanes, kurzfristig geplantes und doch wunderbar gelungenes Treffen ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führte zurück in die Jahre 1980 bis 1987. Zurück in ein Haus, das gerade zwischen Vergangenheit und Zukunft steht. Zurück an einen Ort, der mehr war als unser Arbeitsplatz.

Goslar zeigte sich an diesem Tag von seiner schönsten Seite. Blauer Himmel über der Altstadt, Sonne auf Fachwerk, Pflaster und Schiefer. Dazu dieses besondere Licht, das alte Städte nicht einfach beleuchtet, sondern fast weichzeichnet. Es war einer dieser Tage, an denen man spürt: Hier passiert mehr als nur ein Wiedersehen.

Wir trafen uns als ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hotels Kaiser Worth. Viele von uns waren zwischen 1980 und 1987 dort beschäftigt, einige haben dort ihre Ausbildung absolviert, andere kamen später dazu oder waren durch besondere Erinnerungen mit diesem Haus verbunden. Äußerlich hatte uns die Zeit verändert. Das ist normal. Gesichter tragen Linien, Haltungen werden ruhiger, Blicke tiefer. Aber schon nach wenigen Minuten war da wieder diese alte Vertrautheit. Ein Lachen, eine Stimme, ein Name, ein Blick, und plötzlich war vieles wieder da.

Das Kaiser Worth ist kein gewöhnliches Haus. Es steht mitten am Marktplatz von Goslar, in einer Stadt, deren Altstadt zusammen mit dem Rammelsberg seit 1992 zum UNESCO-Welterbe gehört; 2010 wurde die Welterbestätte um die Oberharzer Wasserwirtschaft erweitert. Das Gebäude selbst wird nach den verfügbaren Quellen auf das Jahr 1494 datiert und wurde auf den Grundmauern eines älteren Gildehauses aus dem Jahr 1274 errichtet. Es war einst Gildehaus der Worthgilde, also jener einflussreichen Fern- und Großkaufleute, die Wohlstand und Macht in Goslar mitprägten.

Für Touristen ist das Kaiser Worth ein Wahrzeichen. Für uns war es an diesem Tag etwas anderes: ein Stück intensiv gelebtes Leben.

Schon die Stadtführung vorher hatte den richtigen Ton gesetzt. Wir gingen durch Gassen, in denen Geschichte nicht abstrakt bleibt, sondern an jeder Ecke sichtbar ist. Beim Vorbeigehen wurde über frühere Räume gesprochen, über Familienfeiern, über Feste, über Gäste, über Abende, die längst vergangen sind und trotzdem plötzlich wieder sehr nah wirkten. Michael entdeckte die alte Dukatenfigur und sofort war da die Verbindung zum Dukatenkeller, zu Erinnerungen, Gesprächen und Geschichten, die man nicht planen kann.

Unsere Stadtführerin erklärte alte Begriffe und Bauformen, die man im Alltag oft übersieht. Die vorspringenden Geschosse alter Fachwerkhäuser etwa, die sich nach oben immer weiter über die Straße schieben, wurden als „Kraken“ beschrieben. Je höher man schaute, desto stärker griff ein Geschoss über das andere hinaus. Das war nicht nur Schmuck oder architektonische Eigenwilligkeit. Es hatte praktischen Nutzen. Oben gewann man zusätzlichen Raum, häufig für Speicher, Waren und Vorräte. Diese alten Häuser waren keine Kulissen. Sie waren Arbeits-, Lager- und Lebensräume.

Auch die Worthmühle kam zur Sprache. Goslar war über Jahrhunderte nicht nur kaiserliche Stadt, Handelsort und Bergbaustadt, sondern auch eine Stadt des Wassers, der Mühlen und des Handwerks. Mühlen waren technische Zentren ihrer Zeit. Sie mahlten, stampften, trieben an, verarbeiteten und machten Arbeit möglich. Die Worthmühle gehört zu dieser alten Geschichte. Sie zeigt, wie eng Wasser, Handwerk und städtischer Wohlstand miteinander verbunden waren.

Besonders eindrücklich wurde es bei der Geschichte der Lohmühle und der Gerberei. Eine Lohmühle war kein romantischer Handwerksort, sondern Teil eines harten, nassen und geruchsintensiven Gewerbes. Dort wurden Eichen-, Fichten- und Tannenrinden zerkleinert, zerstampft und gemahlen. Aus dieser sogenannten Lohe gewann man Gerbstoffe, die für die Herstellung von Leder gebraucht wurden.

Aus der gemahlenen Rinde entstand keine klare Flüssigkeit, sondern eine dunkle, schwere, gärende Brühe. Häute und Felle wurden mit Lohe, Wasser und weiteren Stoffen in Bottichen, Gruben oder Fässern behandelt. Die Gerbstoffe drangen langsam in das Material ein und machten aus roher Tierhaut haltbares Leder. Das dauerte nicht Tage, sondern oft Monate. Die Häute mussten bewegt, umgeschichtet und in immer stärkere Gerbbrühen gelegt werden.

Man muss sich diesen Geruch ehrlich vorstellen. Nicht als angenehmen Duft nach Holz und alter Werkstatt, sondern als beißende Mischung aus nasser Rinde, faulender organischer Masse, Tierhaut, abgestandenem Wasser, Rauch, Schweiß und scharfen Ausdünstungen. Gerade im Sommer muss dieser Geruch schwer über den Gassen gelegen haben. Warm, sauer, stechend, manchmal süßlich-faulig. Ein Geruch, der nicht nur in der Nase blieb, sondern im Hals kratzte, sich in Kleidung und Haaren festsetzte und das Atmen schwer machte.

So holt diese Stadtgeschichte Goslar aus der schönen Postkartenansicht heraus. Hinter Fachwerk, Marktplatz und gepflegten Fassaden stand eine Stadt, in der gearbeitet, geschwitzt, gekocht, gegerbt, gemahlen und geschleppt wurde. Der Bach, der heute freundlich durch die Stadt läuft, war damals Arbeitsader. Weiter unten wurden Gerbflüssigkeiten und vorbereitete Materialien an die Gerber verkauft. Dort entstand aus roher Haut ein begehrter Werkstoff. Aber der Preis dafür war eine Luft, die man heute kaum noch ertragen würde.

Gerade dieser Gegensatz macht Goslar so spannend: oben das Licht auf den Fassaden, der Duft von Kaffee, Gebäck und Altstadtromantik; dahinter die harte Wirklichkeit des alten Handwerks. Feuchte Keller. Dunkle Bottiche. Stampfende Mühlen. Schwere Rindenballen. Und ein Geruch, der an warmen Tagen durch die Gassen zog und jedem klarmachte, dass Wohlstand in früheren Jahrhunderten selten sauber gerochen hat.

Auch der heutige Kulturmarktplatz wurde erwähnt. Früher war dort Schule, unter anderem Orientierungsstufe. Heute ist daraus ein lebendiger Ort für Kultur, Bildung, Begegnung und Veranstaltungen geworden. Das Gebäude der ehemaligen Kaiserpfalzschule wurde nach Angaben der Stadt vier Jahre lang umgebaut und im Dezember 2021 als Kulturmarktplatz eröffnet. Heute befinden sich dort unter anderem Stadtbibliothek, Goslarer Museum, Stadtarchiv, Kulturverwaltung, Hort, Marktkirchenbibliothek und Veranstaltungsräume. Genau solche Umnutzungen zeigen, was mit alten Gebäuden möglich ist, wenn man sie nicht museal erstarren lässt, sondern ihnen eine neue Aufgabe gibt.

Beim Mönchehaus Museum wurde deutlich, wie radikal und zugleich respektvoll ein historischer Bau neu gedacht werden kann. Das Mönchehaus ist heute eng mit dem Kaiserring verbunden, einem bedeutenden Kunstpreis der Gegenwart. Alte Räume, neue Kunst, historische Substanz und Gegenwart treffen dort aufeinander. Geschichte wird nicht versteckt, sondern in eine neue Dimension geführt.

Auch das Große Heilige Kreuz berührte. Es wurde 1254 als Hospiz errichtet und bot Bedürftigen, Gebrechlichen, Waisen, Pilgern und Durchreisenden Unterkunft und Versorgung. Heute befinden sich in den kleinen Pfründnerstübchen Kunsthandwerker mit ihren Verkaufswerkstätten. Besonders eindrücklich war die Geschichte von der Sanierung und dem Einbau einer Fußbodenheizung: Pflastersteine wurden kartiert, nummeriert, fotografiert und danach wieder eingesetzt. Das klingt nüchtern, sagt aber viel. Es zeigt, wie ernst man alte Substanz nehmen kann. Jeder Stein bekommt seinen Platz zurück. Nicht ungefähr. Sondern bewusst.

Auch die Geschichte Kaiser Heinrichs IV. wurde angesprochen. Heinrich musste 1077 nach Canossa ziehen, weil er sich mit Papst Gregor VII. im Investiturstreit überworfen hatte. Es ging um Macht, um Einfluss und um die Frage, wer im Reich die Bischöfe einsetzen durfte. Als der Papst ihn mit dem Kirchenbann belegte, geriet Heinrich politisch in höchste Not. Ein gebannter Herrscher war im Mittelalter nicht nur religiös getroffen, sondern in seiner Herrschaft tief erschüttert. Also blieb ihm nur der Weg nach Canossa.  

Man muss sich dieses Bild vor Augen führen: Winter, Schnee, klirrende Kälte, schneidender Wind in den Bergen. Kein triumphierender Herrscher, sondern ein gedemütigter König auf einem bitteren Gang. Nicht im Glanz der Macht, sondern im einfachen Büßergewand, frierend, dem Frost ausgeliefert, vor den Toren der Burg wartend. Drei Tage lang soll er dort ausgeharrt haben. Ein Herrscher im Schnee, klein geworden vor einer Macht, der er sich beugen musste. Gerade dieses Bild macht die Geschichte bis heute so eindringlich: Größe, Fall, Kälte, Demut und der nackte Kampf um das eigene Überleben als Herrscher.

Die Gosequelle kam ebenfalls zur Sprache. Die Gose entspringt im Harz, im Bereich Hahnenklee. Sie hat Goslar geprägt, versorgt, aber auch bedroht. Besonders das Hochwasser von 2015 blieb vielen in Erinnerung. Aus einem scheinbar beherrschbaren Wasserlauf wurde damals eine zerstörerische Kraft die weite Teile der Altstadt heimsuchte und massiv beschädigte. Auch das gehört zu einer Stadt: Wasser ist Leben, Energie und Gefahr zugleich.

Dazwischen sahen wir das Siemenshaus von außen und hörten eine kurze Geschichte zur Familie Siemens und zur heutigen Nutzung dieses schönen Hauses. Das Siemenshaus wurde 1692/93 von Hans Siemens errichtet und ist bis heute ein bedeutendes Fachwerkhaus in Goslar. Solche Stationen machten die Führung kurzweilig, aber nicht oberflächlich. Viel zu schnell verging diese Stunde unter strahlendem Sonnenschein. Dann erreichten wir wieder den Parkplatz.

Gegen 12.30 Uhr führte uns der Weg zum Marktplatz. Dort wartete Frau Antje Röttcher von der Tessner Stiftung auf uns. Und jetzt begann der Teil, auf den wir alle besonders gespannt waren: die Besichtigung des Kaiserworth.

Schon bevor wir eintraten, lag etwas Feierliches in der Luft. Nicht laut. Nicht inszeniert. Eher still. Man merkte, dass jeder seine eigenen Bilder im Kopf hatte. Die eine erinnerte sich an die Küche. Der andere an den Dukatenkeller. Wieder andere an das Senatorenzimmer, den Rezeptionsbereich, das Barbarossazimmer, das Nähzimmer, die Wäscherei, den Personalraum oder den Pferdestall.

Die Hans-Joachim Tessner-Stiftung verfolgt nach eigenen Angaben das Ziel, Kaiserworth und Brusttuch bis 2027 zu zwei Hotels mit insgesamt 120 Zimmern und Tagungsräumen zu entwickeln. Beide Häuser gehören mit ihrer Lage und Architektur zu den besonders prägenden Gebäuden am Alten Markt. Frau Röttcher erzählte uns von den vielen Behördengängen, den tagelangen Recherchen und der mühsamen, diffizilen Arbeit, die vorhandenen Akten aufzubereitenden die Dokumente einzuordnen. 27 Ordner mussten digitalisiert werden. Heute sind die Unterlagen erfasst, und alle Räume wurden dreidimensional aufgenommen. Hinter Mauern, Putz und Verkleidungen gab es viele Überraschungen. Man braucht für ein solches Projekt ein Konsortium aus Architekten, Restauratoren, Historikern, Denkmalschützern und Fachleuten, die nicht nur fähig, sondern auch willens sind, sich auf die Eigenheiten eines solchen Hauses einzulassen.

Das Ziel ist klar: Das Kaiser Worth soll Hotel bleiben. Aber genau darin liegt die Herausforderung. Wünsche, Möglichkeiten, Technik, Denkmalschutz und finanzielle Rahmenbedingungen müssen unter einen Hut gebracht werden. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Ein Haus aus dem späten 15. Jahrhundert lässt sich nicht wie ein modernes Gebäude behandeln. Hier ist keine Wand einfach nur eine Wand. Kein Balken einfach nur ein Balken. Kein Raum einfach nur Fläche.

Frau Röttcher erzählte auch, wie das Haus vorgefunden wurde. Fast wie ein Lost Place. Geschirr stand noch auf den Tischen. Marmelade, Quark, Spuren eines unterbrochenen Betriebs. Inventar und Mobiliar wurden sortiert. Die Goslarschen Höfe der Diakonie und viele weitern Sozialen Einrichtungen erhielten Teile davon. Vieles musste in Container. Einige ausgesuchte Stücke stehen einem künftigen Betreiber wieder zur Verfügung. Besonders begehrt waren Gegenstände mit Logo. Sie wurden in einem stillgelegten Baumarkt verkauft. Auch der Kindergarten Kunterbunt wurde im Zuge des Erwerbs mit übernommen. Man merkt daran: Hier wurde nicht nur ein Gebäude gekauft. Hier wurde ein Stück Stadtgefüge übernommen.

Dann wurde die schwere Eingangstür geöffnet.

Das war der Moment.

Draußen Sonne, Marktplatz, Stimmen, Leben. Drinnen Baustelle, Staub, Kälte und Stille. Als die Tür nachgab, zog uns kalte Luft entgegen. Diese Luft roch nicht nach Hotel. Nicht nach Empfang. Nicht nach Kaffee, Politur oder frischer Wäsche. Sie roch nach altem Holz, Stein, Kalk, Staub, Metall, offener Wand und langer Pause. Es war der kühle Atem eines Hauses, das zwischen Gestern und Morgen steht.

Die Geräusche veränderten sich sofort. Unsere Schritte klangen dumpfer. Stimmen wurden leiser. Irgendwo knackte Holz. Das Licht fiel durch Öffnungen und Fenster in harten Streifen auf Böden, Wände und freigelegte Flächen. Staub lag in der Luft und machte die Sonnenstrahlen sichtbar. Man sah nicht einfach eine Baustelle. Man sah ein freigelegtes Gedächtnis.

Der erste Blick ging zum Rezeptionsbereich. Und plötzlich war alles wieder da. Nicht vollständig, nicht wie ein Film, sondern in einzelnen Bildern. Ein Schlüsselbrett. Ein Telefon mit Kabel. Eine überdimensionale Hotelregistrierkasse. Ein Gast mit Koffer. Ein schneller Blick zur Kollegin. Das Rascheln von Papieren. Die Mischung aus Anspannung und Routine, die jeder kennt, der einmal in einem Hotel gearbeitet hat.

Im Senatorenzimmer wurde es besonders emotional. Hier wurden Erinnerungen nicht nur erzählt, sie standen plötzlich wieder im Raum. Manche Augen wurden feucht. Nicht aus Kitsch, sondern aus echter Bewegung. Wir standen in einem Haus, das uns geprägt hatte. Wir sahen Baustellenstaub und rohe Wände, aber innerlich sahen wir gedeckte Tische, gespannte Gäste, eilige Schritte, dampfende Teller und Kolleginnen und Kollegen von damals.

Dann kamen die Geschichten.

Da war die Hochzeit, bei der eine erfahrene Kollegin kurz vor der Suppe dringend zur Toilette musste. Danach servierte sie weiter, professionell und konzentriert. Nur leider mit dem Rock in der Unterhose. Es ist eine dieser Geschichten, die Jahrzehnte überdauert, weil sie so menschlich ist. Nicht böse. Nicht peinlich im schlechten Sinn. Einfach herrlich.

Nanni erinnerte sich an Lautenthal und das Bergwerk. Bei der Präsentation des Toyota Supra Sportwagens im Bergwerk, so erzählte sie, seien Schierker Feuerstein und Harzer Grubenlicht reichlich geflossen. Der Schierker Feuerstein gehört als Kräuter-Halb-Bitter seit 1908 zum Harz; das Harzer Grubenlicht ist ebenfalls ein regionaler Kräuter-Halb-Bitter. Man sieht die Szene sofort vor sich: feuchte Bergwerkskälte, blankes Metall, glänzender Sportwagen, Stimmen im Stollen, dazu diese kräftigen Harzer Tropfen, die Wärme in den Körper bringen und den Verkaufseifer vermutlich nicht gerade gebremst haben. Heute würde man so etwas wahrscheinlich anders organisieren. Damals war es eine dieser Geschichten, die nur entstehen, wenn Arbeit, Improvisation und Zeitgeist aufeinandertreffen.

S. A. erzählte aus dem Dukatenkeller. Seit den 1970er Jahren lebt er in Deutschland. Dort gab es einmal einen Gast, der unbedingt die Rollen tauschen wollte. Er wollte die Berufskleidung tragen, S. bedienen und am Ende alles bezahlen. Eine fast theatralische Szene, liebevoll und absurd zugleich. Und eine Erinnerung daran, dass Gastronomie immer von Begegnungen lebt. Man weiß morgens nie, welche Geschichte abends entstanden sein wird.

Küchenchef Mark erinnerte an eine abgebrochene Ofenklappe. Ausgerechnet als die Schäuferle für das Abendessen fertig werden mussten. Die Hitze blieb, die Arbeit auch. „Es war ganz schön warm zwischen den Beinen“, sagte er trocken. Jeder, der einmal in einer Küche gearbeitet hat, versteht sofort: Manche Abende gewinnt man nicht elegant. Man übersteht sie.

Michael erzählte von einer Veranstaltung mit Extraessen. Teurer Fisch, alles genau geplant. Beim Anrichten fiel der letzte Fisch herunter. Ausgerechnet der Reservefisch. Und dann war plötzlich auch noch eine Person mehr da. Also wurde getan, was damals in solchen Momenten offenbar getan wurde: Der Fisch kam wieder auf den Teller. Heute würde man das anders bewerten. Damals war es der pure Pragmatismus eines Betriebs, in dem der Abend funktionieren musste.

Charlotte, heute 93 Jahre, erinnerte sich an den vorherigen schon alten Besitzer. Essen vom Buffet war für Mitarbeiter verboten. Also brachte sie Kuchen aus der elterlichen Bäckerei mit und versorgte die Mannschaft. Herr M. selbst soll sich daran ebenfalls reichlich gesättigt haben. Auch das gehört zur Wahrheit des Hotellebens: Regeln gab es viele. Wirklichkeit gab es mehr.

Mareike musste über ihre Ausbildungszeit lachen. Als angehende Hotelfachfrau vergaß sie während ihrer Zeit in der Küche regelmäßig die Bratkartoffeln. Für Außenstehende klingt das klein. Für Küchenmenschen ist es eine Katastrophe mit Fett, Zwiebeln und Zeitdruck. Heute darf man darüber lachen.

Und dann war da noch das Frühstücksbuffet. Früh am Morgen aufgebaut, Fenster offen, kurze Abwesenheit. Als man zurückkam, war das Buffet weg. Gestohlen. Draußen stand noch die Leiter. Auf die Frage, was nun zu tun sei, kam die trockenste aller Antworten: „Guten Appetit wünschen.“ Mehr Harzer Gelassenheit geht kaum.

Zwischen all dem Lachen gab es auch die leisen, großen Geschichten. Robert erzählte, dass er im Dukatenkeller, Martina, die Frau seines Lebens kennengelernt hat. Seit 38 Jahren ist er mit Martina glücklich verheiratet. Vielleicht war das die schönste Geschichte des Tages. Ein Hotel ist eben nie nur ein Gebäude. Es ist Arbeitsplatz, Bühne, Prüfung, Begegnungsraum und manchmal der Anfang eines gemeinsamen Lebens.

Je länger wir durch das Haus gingen, desto deutlicher wurde: Die Sanierung des Kaiserworth ist nicht nur ein Bauprojekt und auch nicht nur eine finanzielle Aufgabe. Natürlich geht es um erhebliche Kosten, Wirtschaftlichkeit, Förderungen, Genehmigungen, Betreiberkonzepte und technische Machbarkeit. Aber wer dieses Haus nur in Zahlen betrachtet, greift zu kurz.

Das Kaiserworth steht nicht irgendwo. Es steht im Herzen Goslars, mitten am Marktplatz, in einer Altstadt von weltweiter Bedeutung. Damit trägt dieses Projekt eine Verantwortung, die weit über Mauern, Balken, Leitungen und Hotelzimmer hinausgeht. Es geht um das Gesicht der Stadt. Um Erinnerung. Um Identität. Um die Frage, ob Geschichte nur verwaltet oder wirklich weitergegeben wird.

Gerade darin liegt die Größe dieses Vorhabens. Ein Gebäude aus dem späten 15. Jahrhundert wieder in eine lebendige Nutzung zu führen, ist kein gewöhnlicher Umbau. Es ist ein Eingriff in ein kulturelles Gedächtnis. Jede Wand, jeder Balken, jeder Raum erzählt von Kaufleuten, Gästen, Bediensteten, Festen, Arbeit, Wohlstand, Niedergang und Neubeginn. Wer hier saniert, arbeitet nicht nur an Substanz. Er arbeitet an Bedeutung.

Die Verantwortung liegt auch gegenüber der Stadt Goslar. Gegenüber den Menschen, die hier leben. Gegenüber den Generationen, die dieses Haus kannten. Gegenüber denen, die es künftig erleben sollen. Und gegenüber dem Welterbe selbst, das nicht nur bewundert, sondern bewahrt, verstanden und weitergegeben werden muss.

Gleichzeitig ist die Aufgabe dramatisch groß. Denkmalschutz, Brandschutz, moderne Technik, Barrierefreiheit, Komfort, Wirtschaftlichkeit und historische Wahrhaftigkeit müssen miteinander versöhnt werden. Das ist kein einfacher Kompromiss. Es ist ein ständiges Ringen. Zu viel Modernisierung nimmt dem Haus seine Seele. Zu viel Rücksicht auf die Vergangenheit kann die Zukunft verhindern. Genau in dieser Spannung entscheidet sich, ob aus der Sanierung nur ein gelungenes Bauprojekt wird oder ein echtes Vermächtnis für Goslar.

Wenn dieses Projekt gelingt, dann wird hier nicht einfach ein Hotel wiedereröffnet. Dann wird ein Stück Stadtgeschichte in die Zukunft getragen. Dann wird sichtbar, dass Welterbe nicht bedeutet, Vergangenheit unter Glas zu stellen. Welterbe bedeutet, sie zu schützen, zu verstehen und verantwortungsvoll weiterleben zu lassen.

Das Kaiserworth kann damit zu einem starken Zeichen werden: für Mut, für Respekt vor der Geschichte und für das Vertrauen, dass alte Mauern auch nach mehr als 500 Jahren noch Zukunft haben.

Besonders berührend war, wie sich unsere Runde in diesem Haus bewegte. Da war Freude, aber auch Bescheidenheit. Da war Lachen, aber auch Demut. Niemand tat so, als gehöre ihm dieser Ort. Und doch gehörte er für einen Moment wieder zu uns. Nicht juristisch, nicht materiell, sondern emotional. Wir waren ein kleines Kapitel in einer viel größeren Geschichte. Aber eben ein echtes Kapitel.

Ein Wunsch wurde an diesem Tag in der Gruppe sehr deutlich und von allen einvernehmlich getragen: Wenn das neue Kaiser Worth in einigen Jahren seine Türen wieder öffnet, möchten wir dabei sein. Nicht als Gäste unter vielen, sondern als Menschen, die einen Teil ihres Lebens in diesem Haus verbracht haben. Als ehemalige Kolleginnen und Kollegen, die noch wissen, wie es früher gerochen, geklungen und gelebt hat. Es wäre ein besonderer Moment, dann wieder über die Schwelle zu treten. Nicht in eine kalte Baustelle, sondern in ein Haus, dem neues Leben eingehaucht wurde.

Dieser Wunsch sagt viel über unsere Verbindung zu diesem Ort. Das Kaiser Worth war für uns nie nur ein Arbeitsplatz. Es war fundierte gesicherte Ausbildungsstätte, Begegnungsort, Erinnerungsraum und ein Stück aufregender Jugend. Deshalb wäre die Eröffnung nicht einfach ein offizieller Termin. Sie wäre für uns ein Kreis, der sich schließt. Ein Wiedersehen mit einem Haus, das uns geprägt hat und das hoffentlich noch viele Generationen prägen wird.

Als wir später wieder draußen standen, war die Sonne noch immer da. Der Marktplatz leuchtete. Die Stimmen wurden wieder lauter. Man lachte, erzählte weiter, blieb noch einen Moment stehen. Niemand wollte sofort auseinandergehen. Solche Treffen enden nicht einfach. Sie klingen nach.

Beim Verfassen dieser Zeilen merke ich, wie sehr mich die letzten Tage und Eindrücke berührt haben. Ich schreibe das nicht mit Abstand, sondern mit einem Herzen, das noch voll ist von Bildern, Stimmen, Gerüchen und Momenten. Von der Kälte im alten Haus. Vom Licht auf dem Marktplatz. Von den Geschichten, die plötzlich wieder lebendig wurden. Von der Demut vor diesen Mauern und von der Dankbarkeit, ein kleines Stück dieser Geschichte selbst erlebt zu haben.

Am Ende habe ich mir noch ein Bauernbrot mit Harzer Käse gegönnt. Einfach, kräftig, ehrlich. Genau passend zu diesem Tag. Kein großes Menü, kein feierlicher Abschluss, sondern ein Geschmack, der zum Harz passt: bodenständig, würzig, direkt. Vielleicht war es gerade deshalb der richtige Abschluss. Nach so vielen Eindrücken brauchte es nichts Gekünsteltes. Nur Brot, Käse und einen Moment Ruhe.

Danke an Frau Röttcher für die persönliche Führung, für die Offenheit und für das ehrliche Interesse an unseren Geschichten. Danke auch an alle, die sich dafür einsetzen, dass dieses Haus nicht nur gesichert, sondern wiederbelebt wird.

Wir freuen uns auf die Neueröffnung. Auf neues Leben in alten Mauern. Auf Gäste, die künftig durch diese Türen treten und vielleicht nicht wissen, was hier alles geschehen ist, aber hoffentlich spüren, dass dieses Haus mehr ist als ein schönes Gebäude.

Möge das Kaiserworth noch vier weitere Jahrhunderte bestehen. Mögen in diesen ehrwürdigen Mauern weiterhin Geschichten erzählt werden. Mögen Begegnungen entstehen, Feste gefeiert, Teller getragen, Gläser gefüllt, Schlüssel übergeben, Blicke gewechselt und Erinnerungen geboren werden.

Und vielleicht steht eines Tages wieder jemand im Dukatenkeller, trifft dort die Liebe seines Lebens und erzählt 38 Jahre später davon.

Dann hätte das Haus genau das getan, was es immer getan hat: Menschen zusammenbringen.

2 Antworten zu “Goslar, 03.05.2026 Wenn Mauern wieder sprechen: Ein Wiedersehen im „Kaiser Worth“”

  1. Was für ein schöner Artikel! Als Architektin hoffe ich auch das man die Fassade des Gebäudes wieder etwas mehr zurück in sein ursprüngliches Erscheinungsbild also einen weniger „roten“ Zustand dringt.
    Viel Glück mit allem!

    • Sehr geehrte Frau Zessin

      Vielen herzlichen Dank für Ihre lieben Worte. Es freut mich sehr, dass der Beitrag Sie angesprochen hat.

      Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Ihnen der Spagat zwischen historischer Authentizität, den Möglichkeiten moderner Technologien sowie den Anforderungen der heutigen Nutzung und der Betreiber gelingt. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Fachwissen, Fingerspitzengefühl und Weitsicht erfordert.

      Für mich ist dieses Gebäude weit mehr als nur das Haus der Tuchmacher. Es erzählt Geschichte, weckt Emotionen und ist ein bedeutendes Stück Identität der Stadt. Gerade deshalb wünsche ich Ihnen für dieses besondere Projekt viel Erfolg, kluge Entscheidungen und immer auch die nötige Gelassenheit, wenn unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Ich bin überzeugt, dass das Ergebnis viele Menschen begeistern wird. Viel Glück für Ihren weiteren Weg

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