Der vierte Tag unserer Tour begann früh. Die Sonne stand schon kräftig am Himmel, als wir Wetzlar hinter uns ließen und der Lahn weiter Richtung Limburg folgten. Die Luft flimmerte bereits am Morgen über dem Asphalt und auf dem Wasser herrschte Hochbetrieb. Die Lahn wirkte an diesem Tag fast wie eine kleine Urlaubswelt mitten in Hessen.
Zwischen Weilburg und Limburg begegneten uns unzählige Kanus, Stand-up-Paddler und kleine Gruppen auf Mietbooten. Viele lachten, manche kämpften mit der Fahrtrichtung, andere ließen sich einfach treiben. Aus einigen modernisierten Booten dröhnte Musik über das Wasser. Mal Schlager, mal Elektro, mal 90er. Eigentlich zu laut für die Natur. Und trotzdem passte es irgendwie zu diesem heißen Sommertag, an dem alle einfach nur draußen sein wollten. Gebräunte Arme paddelten im Takt, Kinder spritzten Wasser, Menschen winkten vom Ufer. Die Lahn lebte.
Die Lahn selbst entspringt übrigens im Rothaargebirge am Lahnhof in Nordrhein-Westfalen. Von dort schlängelt sie sich rund 245 Kilometer durch Hessen und Rheinland-Pfalz, bevor sie bei Lahnstein in den Rhein mündet. Auf ihrem Weg passiert sie etwa 24 Staustufen. Diese kleinen Wasserbauwerke regulieren den Wasserstand, machen die Lahn überhaupt erst für Kanus und kleinere Boote nutzbar und sorgen dafür, dass bestimmte Bereiche nicht austrocknen. Gleichzeitig entstehen dadurch ruhige Wasserflächen, in denen sich Pflanzen und Tiere hervorragend entwickeln können.

Besonders auffällig waren an diesem Tag die riesigen Teppiche aus Seerosen. Teilweise lagen sie ruhig auf dem Wasser wie kleine grüne Inseln. Ihre Blütezeit reicht meist von Juni bis September. Die weißen Blüten öffnen sich morgens mit der Sonne und schließen sich am Abend wieder. Vermehrt werden sie über Rhizome unter Wasser. In Deutschland findet man vor allem die Weiße Seerose und die Gelbe Teichrose. Sie bieten Schutz für Fische, Frösche und Insekten und verwandeln manche Lahnabschnitte fast in kleine verwunschene Landschaften.
An den manuellen Staustufen wurde es immer wieder spannend. Kanuten mussten aussteigen, Boote über kleine Rollanlagen ziehen oder Schleusen per Hand bedienen. Manche wirkten dabei wie eingespielte Profis, andere eher wie Menschen beim ersten Möbelaufbau ohne Anleitung. Mitten auf der Lahn entdeckten wir sogar ein schwimmendes Kiosk. Eine großartige Idee. Während die Paddler auf ihre Schleusung warteten, holten sie sich Eis, Kaffee oder kalte Getränke direkt vom Wasser aus. Eigentlich genial. Wahrscheinlich entstehen gute Geschäftsideen genau dort, wo Menschen warten müssen und Durst haben.


Die Natur entlang der Lahn wird vielerorts sich selbst überlassen. Ufer werden kaum gepflegt. Büsche wachsen ins Wasser, Bäume neigen sich über den Fluss, Schilf bewegt sich im Wind. Und ehrlich gesagt wirkt genau das oft viel schöner als geschniegelt und künstlich ordentlich. Die Natur regelt vieles eben selbst.
Weniger romantisch wurde es an den zahlreichen Slipanlagen. Dort, wo Kanus eingesetzt oder herausgezogen werden, parkten unzählige Autos direkt am ohnehin schmalen Radweg. Manche Autofahrer öffneten ihre Türen mit einer Selbstverständlichkeit, als gäbe es keine anderen Menschen auf dieser Welt. Ein quietschendes Bremsgeräusch eines Fahrradfahrers scheint manche dann sogar noch persönlich zu beleidigen. Bemerkenswertes Selbstvertrauen muss man dafür schon besitzen.
Ab Weilburg veränderte sich der Lahntalradweg deutlich. Der Asphalt wurde schmaler, älter und zunehmend von Baumwurzeln aufgebrochen. Besonders im Schatten entstand dadurch ein echtes Gefahrenpotenzial. Entgegenkommende E-Bikes pendelten teilweise unsicher über den Weg, viele Fahrer nahmen unbeabsichtigt fast die gesamte Spur ein. Man merkte schnell, wie wichtig Konzentration und gegenseitige Rücksichtnahme auf solchen Abschnitten sind.
Irgendwann verließen wir den offiziellen Radweg. Ein steiler Anstieg mit losem Schotter zwang uns aus dem Sattel. Oben angekommen gönnten wir uns eine Pause im Schatten. Wasser trinken. Durchatmen. Schweigen. Genau diese Momente bleiben oft stärker hängen als Sehenswürdigkeiten.
Weiter ging es über kleine Nebenstraßen Richtung Limburg. Immer wieder fuhren wir an Kleingärten vorbei. Kleine grüne Rückzugsorte voller Persönlichkeit. Dort wachsen Tomaten, Bohnen, Kartoffeln, Gurken, Salat und manchmal ganze Sonnenblumenwälder. Viele Parzellen wirken wie kleine Parallelwelten. Gartenlauben mit Kaffeeduft, alte Radios mit Schlagermusik, akkurat gestutzte Hecken und Rentner, die ihre Zucchini betrachten wie andere Menschen Aktienkurse. Man spürt dort sofort: Für viele Menschen ist so ein Garten kein Hobby. Er ist ein Stück Heimat und Freiheit.
Eine kurze Pause legten wir noch bei Selters ein. Ausgerechnet dort, wo eines der bekanntesten Mineralwasser Deutschlands herkommt. Das Wasser war greifbar nah und für uns in diesem Moment doch unerreichbar. Fast schon tragisch komisch bei dieser Hitze.

Von Limburg aus ging es später mit dem Zug weiter Richtung Bonn über Koblenz. Die Züge waren gut gefüllt, aber längst nicht so überlaufen wie befürchtet. Was allerdings fehlte, waren in Limburg die Aufzüge. Also hieß es: schwere Fahrräder gemeinsam Stufe für Stufe nach oben tragen. Fitnessprogramm inklusive. In Koblenz wartete bereits die nächste Herausforderung. Lange Schlange vor dem Aufzug, verspäteter Regionalzug und kurze Umsteigezeit. Also wieder Treppen runter, über den Bahnsteig, Rolltreppe hoch. Spätestens dort wussten wir: Irgendwo wird gleich ein Bahnmitarbeiter mit roter Mütze auftauchen und skeptisch auf zwei schwer bepackte Radfahrer schauen. Und natürlich kam es genauso.
In Bonn stiegen wir schließlich am UN Campus aus und radelten durch das ehemalige Regierungsviertel. Ein besonderer Moment. Vor der Villa Hammerschmidt entstand dann das obligatorische Zielfoto. Nach zwei Jahren hatten wir den Hauptstadt-Radweg von Berlin nach Bonn tatsächlich geschafft. Ohne Pannen. Ohne Verletzungen. Mit Muskelkater, Schweiß, Geschichten und unzähligen Erinnerungen.

Danach ließen wir uns treiben. Durch das ehemalige Bundesgartenschaugelände von 1979, vorbei an großen Wiesen voller Menschen. Überall Picknickdecken, Frisbees, Jogger und Familien auf der Suche nach Schatten. Biergärten und Eisbuden waren brechend voll. Im Blindengarten rochen wir Kräuter nicht nur, sondern ertasteten sie bewusst mit den Händen. Eine Erfahrung, die plötzlich den Blick auf scheinbar Selbstverständliches verändert.

Auf dem Rhein zogen Ausflugsdampfer und Hotelschiffe gemächlich vorbei. Alles wirkte entschleunigt. Fast friedlich.

Nach rund zehn weiteren Kilometern erreichten wir schließlich den Campingplatz Genienau. Herrlich gelegen. Ein entspannter Biergarten, kleine Gerichte, kalte Getränke und viele Bonner und Bad Godesberger, die den Abend dort ausklingen ließen.
Und während langsam die Sonne hinter den Bäumen verschwand, wurde uns klar, wie dankbar wir eigentlich sein können. Zwei Jahre unterwegs gewesen zu sein. Zeit gehabt zu haben. Gesund geblieben zu sein. Denn Glück und Zufriedenheit hängen am Ende viel weniger von Orten, Geld oder Status ab, als viele glauben. Sie entstehen oft genau dort, wo man innehält, gemeinsam lacht, erschöpft nebeneinander sitzt und merkt: Eigentlich braucht es gar nicht so viel.
Morgen beginnt schon wieder die Heimreise.
Und im nächsten Jahr wartet bereits das nächste Abenteuer. Es geht in das Land der amtierenden Weltmeister. Welche Sportart das war, ist uns gerade entfallen. Aber ehrlich gesagt ist das auch völlig nebensächlich. Wichtig ist nur, dass wir wieder losfahren.
