5. Tag Berlin – Bonn Heimreise – Resümee

Unsere letzte Nacht dieser Reise war fast schon verdächtig ruhig. Noch einmal gut und reichhaltig gegessen, zufrieden in die Schlafsäcke gefallen und tief geschlafen. Vom Rhein war kaum etwas zu hören. Wenig Schiffsverkehr, kaum Motorengeräusche, nur ab und zu das leise Glucksen des Wassers am Ufer. Fast so, als wollte uns der Fluss einen würdigen Abschied schenken.

Am Morgen radelten wir entspannt zum Café „Alter Schwede“ am Bundeskanzlerplatz. Direkt gegenüber erhebt sich die eindrucksvolle Skulptur von Konrad Adenauer, dem ersten demokratisch gewählten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Eine Figur mit Haltung, Ernst und Geschichte. Wenn man davorsteht, spürt man schnell, dass Bonn eben nicht irgendeine Stadt ist, sondern viele Jahrzehnte politisches Herz der jungen Bundesrepublik war.

Dort trafen wir Doris, eine Kollegin aus gemeinsamen Goslarer Zeiten. Viel zu wenig Zeit für viele Jahre gemeinsamer Erinnerungen. Trotzdem wurde gelacht, gestaunt und erzählt. Ihr Mann Wolfgang runzelte dabei mehrfach die Stirn und schüttelte leicht den Kopf. Offenbar hatte Doris über manche Episoden dieses Lebensabschnittes bislang diplomatisch geschwiegen. Vielleicht auch besser so. Manche Geschichten wirken Jahrzehnte später deutlich gefährlicher als damals.

Anschließend rollten wir entspannt den Rhein abwärts Richtung Köln. Gegen 14 Uhr sollten unsere Züge am Hauptbahnhof starten. Wirklich Eile hatten wir keine. Deutsche Bahn bedeutet auf langen Radtouren inzwischen eine Mischung aus Hoffnung, Galgenhumor und stillem Gottvertrauen. Und tatsächlich: Die Verspätung kam zuverlässig wie ein alter Bekannter um die Ecke. Wenigstens auf manche Dinge ist Verlass.

Während wir am Bahnsteig standen, liefen die letzten Tage wie ein Film noch einmal durch den Kopf.

Die vielen Kilometer.
Die brennenden Oberschenkel an langen Anstiegen.
Der Duft blühender Kastanienbäume.
Kühle Morgenstunden an der Lahn.
Schattige Wege direkt am Wasser.
Freundliche Verkäuferinnen in kleinen Bäckereien, die uns oft mit belegten Brötchen, Kuchen und ehrlichem Lächeln versorgten.
Gespräche mit anderen Radreisenden, die man vermutlich nie wieder sieht und trotzdem nicht vergisst.

Und natürlich die Geschichte von Michael und der „Lahn-Nixe von Weilburg“.

Es war irgendwann am frühen Abend. Die Sonne stand tief, das Wasser glänzte golden und Michael behauptete plötzlich völlig überzeugt, er habe im Schilf eine Bewegung gesehen. Sekunden später war er fest davon überzeugt, dort habe eine Wasserfrau gesessen, die ihm zugewunken hätte. Ich erklärte ihm nüchtern, dass das vermutlich ein übergewichtiger Karpfen oder die Reflexion einer Bierdose gewesen sei. Doch Michael blieb standhaft. Zehn Minuten später diskutierte er bereits mit zwei Kanufahrern darüber, ob Lahn-Nixen nachtaktiv seien. Einer der beiden spielte sofort mit und erzählte von einem angeblich verschwundenen Stand-Up-Paddler aus dem Jahr 1997, der bis heute bei Vollmond zwischen den Seerosen gesichtet werde. Michael wurde zunehmend nachdenklich. Erst später stellte sich heraus, dass die beiden Kanuten sich vor Lachen kaum noch auf ihren Booten halten konnten. Noch Stunden später grinsten wir bei jedem Rascheln im Schilf.

Und genau solche Momente bleiben hängen.

Gerade auf der Route zwischen Berlin und Bonn war die Geschichte Deutschlands deutlich spürbar. Viel stärker, als wir es in vielen Regionen Westdeutschlands wahrgenommen haben. Entlang der Strecke begegneten uns immer wieder Erinnerungen an die Teilung Deutschlands. Mahnmale, Informationstafeln, ehemalige Grenzbereiche und zahlreiche Themenwege machten deutlich, wie tief diese Zeit bis heute nachwirkt. Gleichzeitig wurde vielerorts die regionale Industriegeschichte sichtbar gemacht. Alte Zechen, Stahlstandorte und technische Denkmäler standen oft direkt neben moderner Architektur und grünen Landschaften.

In Bonn selbst hatten wir gehofft, noch tiefere Einblicke in das ehemalige Regierungsviertel zu bekommen. Besonders schade war, dass die Villa Hammerschmidt nicht besucht werden konnte. Die Villa diente jahrzehntelang als Amtssitz des Bundespräsidenten in Bonn und wird bis heute als zweiter Amtssitz genutzt. Das klassizistische Gebäude direkt am Rhein war politischer Schauplatz zahlreicher Staatsbesuche und wichtiger Gespräche der Nachkriegsgeschichte. Allein der Blick durch die Gitter Richtung Park und Gebäude erzeugt ein wenig Ehrfurcht.

Rund um das ehemalige Regierungsviertel finden sich zahlreiche öffentlich zugängliche Kunstwerke und Skulpturen. Besonders auffällig sind moderne Stahl- und Steinskulpturen entlang der Wege zwischen den früheren Ministerien und dem heutigen UN-Campus. Viele Werke symbolisieren Frieden, Demokratie und internationale Zusammenarbeit. Gerade am Rheinufer entsteht dadurch eine spannende Mischung aus Politik, Kunst und entspannter Rheinpromenade.

Wer Bonn besucht, sollte sich Zeit nehmen. Das Haus der Geschichte gehört sicherlich zu den stärksten Museen Deutschlands, weil dort deutsche Nachkriegsgeschichte greifbar und verständlich erzählt wird. Ebenso sehenswert sind das Kunstmuseum Bonn, die Bundeskunsthalle und das Museum Koenig, in dem einst der Parlamentarische Rat zusammentrat. Auch das ehemalige Bundesgartenschaugelände mit seinen großzügigen Grünflächen, Rheinblicken und Freizeitmöglichkeiten lohnt sich absolut. Zwischen alten Regierungsgebäuden, modernen Museen und viel Natur besitzt Bonn einen Charme, den man oft unterschätzt.

Und irgendwo zwischen all diesen Eindrücken wurde uns klar:
Es ging auf dieser Reise längst nicht mehr nur um Kilometer.

Es ging um Freiheit.
Um gemeinsame Erinnerungen.
Um Gespräche.
Um Ruhe im Kopf.
Und darum, mit Michael wieder eine dieser Touren erlebt zu haben, über die man Jahre später noch lachen wird.

Natürlich schworen wir uns unterwegs mehrfach:
„Nie wieder Gegenwind.“
„Nie wieder Bahnfahren mit Fahrrädern.“
„Nie wieder diese Steigungen.“

Aber Schwüre auf Radreisen haben ungefähr die Haltbarkeit einer warmen Cola in der Sommersonne. Spätestens ein paar Wochen später sitzen dieselben Menschen wieder mit Kartenmaterial, Kaffee und viel zu optimistischen Tagesetappen zusammen am Tisch und sagen:
„Ach komm… so schlimm war das doch alles gar nicht.“

Zwei Radler vor dem Herrn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Unterstütze uns mit deiner Spende

Kontoinhaber: Mukoviszidose Selbsthilfe e.V. Kassel
Sparkasse Waldeck-Frankenberg

IBAN: DE85 5235 0005 0000 1356 08
BIC: HELADEF1KOR

Verwendungszweck UNBEDINGT angeben: Freidurchatmen + Name des Einzahlers