Gewitter, Hagel und der Kampf mit den Hügeln des Alpenvorlandes
Der Morgen begann eigentlich harmlos. Die ersten Kilometer führten uns von Murnau durch die sanft geschwungene Landschaft des bayerischen Alpenvorlandes. Die Wolken hingen zwar tief, doch noch schien alles friedlich. Wir hatten kaum zwei Kilometer zurückgelegt und den Staffelsee erreicht, als sich der Himmel innerhalb weniger Minuten dramatisch veränderte.
Aus den grauen Wolken wurden dunkle Wolkenberge. Der Wind frischte auf. Die Luft wurde schwer und drückend. Dann entlud sich das Gewitter mit voller Wucht.

Regen prasselte in dichten Vorhängen vom Himmel. Die Tropfen schlugen laut auf den Asphalt, auf unsere Helme und auf die Wasseroberfläche des Sees. Innerhalb weniger Augenblicke waren die Straßen überflutet. Das Donnern rollte über die Landschaft, während wir gerade noch rechtzeitig einen Carport erreichten. Dort fanden wir gemeinsam mit einer jungen Familie Schutz vor dem Unwetter.
Was als kurze Zwangspause begann, entwickelte sich schnell zu einer angenehmen Begegnung. Es wurde erzählt, gelacht und über das Wetter philosophiert. Für einen Moment rückte das Gewitter in den Hintergrund. Menschen, die sich wenige Minuten zuvor noch völlig fremd gewesen waren, teilten plötzlich denselben trockenen Zufluchtsort.
Und dann war alles vorbei.
Nach kaum fünfzehn Minuten zog die dunkle Wolkenwand weiter. Die Sonne brach durch die Wolkendecke, als wäre nichts geschehen. Die einzigen Zeugen des eben noch tobenden Naturschauspiels waren die großen Pfützen auf der Straße und die letzten Regentropfen, die von den Blättern und Ästen der Bäume fielen.
Was danach folgte, gehört zu den schönsten Momenten einer Radreise.
Die Luft war frisch, klar und unglaublich sauber. Überall stiegen die Düfte der Natur auf. Frisch gemähtes Gras verströmte seinen süßlichen, beinahe beruhigenden Geruch. Nasse Erde, Kräuter, Moos und feuchtes Holz mischten sich zu einem Duft, den keine Parfümerie dieser Welt nachbilden kann. Aus den Wäldern zog der Geruch von Harz und feuchter Rinde herüber. Die Wiesen dampften förmlich.

Der Asphalt begann in der Sonne zu trocknen. Feine Nebelschwaden stiegen auf und tanzten über dem Straßenbelag. Es wirkte fast so, als würde sich die Natur für den dringend benötigten Regen bedanken.
Die Sonnenstrahlen trafen auf die noch feuchte Haut und erzeugten ein wohliges Kribbeln. Die Wärme kroch langsam durch die Kleidung und vertrieb die Kühle des Gewitters. Es war eines dieser seltenen Gefühle, bei denen man jede einzelne Sekunde bewusst wahrnimmt.
Für einen kurzen Moment herrschte völlige Stille.
Dann begann die Natur ihr Konzert erneut.
Zunächst hörte man einzelne Vögel. Vorsichtig und zögerlich. Wenige Minuten später antworteten weitere aus den Hecken und Baumwipfeln. Bald entstand wieder ein vielstimmiges Zwitschern. Dazwischen summten Insekten. Aus der Ferne war das leise Rauschen eines Baches zu hören. Die Natur hatte den kurzen Ausnahmezustand beendet und kehrte zurück zu ihrem gewohnten Rhythmus.

Unsere Strecke hingegen hatte andere Pläne.
Das Alpenvorland zeigte sich von seiner anspruchsvollen Seite. Heute ging es nahezu ununterbrochen bergauf und bergab. Kaum war ein Anstieg geschafft, wartete bereits der nächste. Die Beine fanden keinen Rhythmus. Die Topographie schien sich einen Spaß daraus zu machen, jede gerade gewonnene Höhe sofort wieder zu verschenken, nur um sie wenige Minuten später erneut einzufordern.
Hinzu kam ein weiterer Begleiter des Tages.
Viele Wiesen waren frisch mit Gülle gedüngt worden. Die Sonne verstärkte den Geruch erheblich. Immer wieder rollten wir durch regelrechte Duftwolken. Die Bauern nennen es vermutlich natürliche Düngung. Der Radfahrer nennt es eher eine intensive sensorische Erfahrung.
Als wir dachten, das Wetter habe sein Pulver bereits verschossen, wurden wir eines Besseren belehrt.
Ein weiterer Regenschauer zog auf.
Diesmal begleitet von Hagelkörnern, die laut auf Helme, Gepäcktaschen und Asphalt trommelten. Wieder mussten wir Schutz suchen. Diesmal fanden wir ihn in einem hochmodernen Maschinenpark eines Landwirtes. Riesige Traktoren, Mähdrescher und Spezialmaschinen standen dort aufgereiht wie in einer technischen Ausstellung.

Die Temperatur lag bei gerade einmal 19 Grad. Der Himmel blieb überwiegend bewölkt. Der leichte Wind sorgte zusätzlich dafür, dass sich alles deutlich kälter anfühlte.
Dafür entschädigten uns die vielen Tiere entlang der Strecke.
Natürlich begegneten uns wieder die allgegenwärtigen Kühe mit ihren Glocken. Ihr charakteristisches Läuten begleitete uns über viele Kilometer hinweg. Hinzu kamen frisch geschorene Alpakas mit ihren Jungtieren. Die Tiere wirkten beinahe überrascht über ihre neue Frisur. Alpakas werden meist einmal jährlich geschoren. Ihre Wolle zählt zu den wertvollsten Naturfasern überhaupt. Aus ihr entstehen hochwertige Pullover, Schals, Decken und Kleidungsstücke. Die Fasern sind weich, besonders warm und äußerst langlebig.
Daneben entdeckten wir Ziegen, Schafe und mehrere Pferdeweiden mit neugierigen Fohlen. Die Landschaft wirkte wie eine riesige Freiluftkulisse voller Leben.
In Wildsteig legten wir eine Pause an der beeindruckenden Wallfahrtskirche St. Jakob ein. Dieser Ort besitzt eine besondere Bedeutung für Pilger. Wildsteig liegt direkt am Münchner Jakobsweg, einem Teil des europäischen Pilgerwegenetzes nach Santiago de Compostela. Seit Jahrhunderten folgen Menschen den Muschelsymbolen auf ihrem Weg durch Europa bis nach Nordspanien. Auch heute begegneten uns immer wieder Pilger mit Rucksack und Wanderstab.

Wenig später erreichten wir Lechbruck.
Auf einer Bank direkt am Lech machten wir es uns bequem. Die Sonne zeigte sich erneut. Vor uns rauschte ein kleiner Wasserfall. Das Wasser glitzerte im Licht. Das gleichmäßige Plätschern wirkte beruhigend und ließ die Strapazen der letzten Stunden für einen Moment vergessen.


Doch die eigentliche Herausforderung wartete noch.
Die Region rund um den Forggensee hielt drei Anstiege bereit, die uns noch lange in Erinnerung bleiben würden.
Der erste Anstieg begann harmlos.
Doch mit jeder Kurve wurde er steiler. Der Tacho zeigte nur noch einstellige Geschwindigkeiten. Der Blick wanderte nach oben. Dort wartete keine Kuppe. Kein Ende in Sicht. Nur noch mehr Berg. Die Oberschenkel brannten. Die Atmung wurde tiefer, schwerer. Jeder einzelne Meter musste erkämpft werden. Irgendwann zählte nicht mehr die Strecke. Nur noch der nächste Tritt in die Pedale.
Kaum hatten wir den höchsten Punkt erreicht, folgte eine rasante Abfahrt.
Mit bis zu 60 km/h schossen wir talwärts. Der Wind heulte in den Ohren. Die Kleidung flatterte wild. Die Augen tränten leicht. Für wenige Sekunden verschwanden Müdigkeit, Zweifel und Anstrengung. Es fühlte sich an, als würde die Schwerkraft uns tragen.
Dann begann der zweite Anstieg.
Dieser führte durch dichte Waldabschnitte. Der Regen hatte den Boden aufgeweicht. Die Luft roch intensiv nach Fichten, Moos, feuchtem Holz und Waldboden. Es war kühl. Still. Und gleichzeitig unerbittlich. Meter um Meter kämpften wir uns nach oben. Immer wieder glaubte man, den höchsten Punkt erreicht zu haben. Doch hinter jeder Kurve wartete eine weitere Rampe. Jedes Mal ein kleiner Stich der Enttäuschung. Jedes Mal weiter.
Der dritte Anstieg setzte dem Ganzen schließlich die Krone auf.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Beine bereits schwer. Die Energiereserven schwanden spürbar. Die Akkus unserer Fahrräder näherten sich bedrohlich der Reserve. Die Steigung zog sich scheinbar endlos durch die Landschaft. Sie wollte einfach nicht aufhören. Jeder Blick nach vorn ließ die Strecke länger wirken. Jeder Blick auf das Höhenprofil hätte vermutlich zu spontanen Depressionen geführt.
Unsere Stimmung verhielt sich inzwischen exakt wie die Topographie des Tages.
Mal euphorisch. Mal genervt. Mal voller Energie.
Und kurz darauf wieder am absoluten Tiefpunkt.
Rund zehn Kilometer vor dem Tagesziel wurde die Situation kritisch. Die Akkus waren nahezu leer. Ausgerechnet jetzt waren die öffentlichen Ladeboxen entlang der Strecke außer Betrieb.
Für einen Moment machte sich echte Sorge breit. Nach all den Kilometern, den Anstiegen und Wetterkapriolen fehlte uns genau das, was wir jetzt am dringendsten brauchten: Energie.
Kurzerhand steuerten wir das Gemeindeamt an. Dort begegnete man uns freundlich und hilfsbereit. Im Flur durften wir die vorhandenen Stromanschlüsse nutzen und unseren Akkus neues Leben einhauchen. Währenddessen konnten wir frisches Wasser auffüllen und die ausgesprochen sauberen Toiletten nutzen.
Mit neuer Energie und deutlich besserer Stimmung machten wir uns auf die letzten Kilometer.
Als wir schließlich den uns bereits bekannten Campingplatz Guggenmos erreichten, fiel spürbar Anspannung von uns ab. Hinter uns lagen Gewitter, Hagelschauer, Güllewolken, rasante Abfahrten, fordernde Steigungen und unzählige Höhenmeter. Die Erleichterung traf uns mit voller Wucht. Wir hatten es geschafft.
Am Abend saßen wir erschöpft, aber zufrieden vor dem Zelt.
Die Wolken zogen langsam über die Berge. Die Luft war angenehm kühl. Irgendwo läutete eine Kuhglocke. Aus der Ferne war das leise Rauschen des Windes zu hören.
Wieder einmal hatte uns das Alpenvorland gezeigt, dass es weit mehr sein kann als eine idyllische Postkartenlandschaft.
Morgen warten die Berge. Wir wissen nicht, was das Wetter mit uns vorhat. Aber wir freuen uns darauf.
