Gegen 11:00 Uhr rollen wir am Westufer des Hopfensees entlang. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, Grillen liefern den Soundtrack des Tages, und die friedliche Stille wird nur vom monotonen Klappern der Nordic-Walking-Stöcke durchbrochen. Heute scheint halb Bayern auf Wanderschaft zu sein.
Erfreulicherweise führen die meisten Wanderer ihre Hunde an der Leine. Weniger erfreulich ist, dass diese Leinen oft nahezu unsichtbar quer über den Weg gespannt sind. Als Radfahrer entwickelt man dafür schnell einen sechsten Sinn. Wer einmal erlebt hat, wie ein Fahrradfahrer, ein Hund und ein überraschter Hundehalter gleichzeitig zum Stillstand kommen, weiß: Das anschließende Geschrei und Gejaule möchte man lieber vermeiden.

Martina fährt einige Meter hinter mir und ruft plötzlich:
„Robert, was ist eigentlich wichtiger für mich? Die Berge vor mir oder der orange Radfahrer vor mir?“
„Die Berge“, sage ich sofort. „Die sehen besser aus.“
„Stimmt. Aber die Berge kann ich nicht mit nach Hause nehmen.“
„Punkt für den Radfahrer.“
„Und die Berge können mich nicht in den Arm nehmen.“
„Noch ein Punkt.“
„Weißt du, was sie auch nicht können?“
„Nein.“
„Mir widersprechen.“
Wir lachen.
Nach kurzem Überlegen legt sie nach:
„Der Radfahrer kann kochen. Er hört zu. Er hilft, wenn etwas schiefgeht. Er tröstet mich und nimmt mich in den Arm.“
„Die Berge geraten ins Hintertreffen.“
„Außerdem“, grinst sie, „habe ich noch keinen Berg den Geschirrspüler ausräumen sehen.“
Spätestens damit ist die Diskussion entschieden.
37 Jahre Ehe spielen bei solchen Gesprächen keine ganz unwesentliche Rolle. Nach so langer Zeit besteht Liebe nicht mehr aus großen Worten oder spektakulären Gesten. Sie lebt von Vertrauen, von Empathie, von gegenseitiger Verantwortung. Sie lebt davon, auch dann füreinander da zu sein, wenn das Leben gerade unbequem wird. Von der Bereitschaft, sich zurückzunehmen. Von Hoffnung. Von Geduld. Von Nachsicht. Und manchmal auch davon, dieselbe Geschichte zum hundertsten Mal anzuhören, als wäre sie neu.
Vielleicht liegt das Geheimnis einer langen Ehe darin, dass man irgendwann erkennt: Liebe ist kein Zustand. Sie ist eine tägliche Entscheidung.
Am Wasserfall bei Nesselwang erwartet uns dann eine kleine Enttäuschung. Oder genauer gesagt: gar kein Wasserfall. Aufgrund der anhaltenden Trockenheit fehlt das Gebirgswasser. Wo sonst tosende Wassermassen in die Tiefe stürzen, rinnt heute lediglich ein dünnes Rinnsal über die Felsen. Die Touristen fotografieren tapfer weiter. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass die Kamera mehr Wasser findet als das menschliche Auge.
Weiter geht es Richtung Weißensee. Auf einer Bank gönnen wir uns eine Pause. Vor uns breitet sich das Alpenpanorama aus. Aus den Wiesen erklingt das stetige Läuten der Kuhglocken, unterbrochen vom tiefen Muhen einzelner Kühe.
Dann zieht etwas unseren Blick nach oben.
Ein großer Greifvogel kreist über den Berghängen. Wahrscheinlich ein Mäusebussard oder vielleicht sogar ein Steinadler. Seine gewaltigen Schwingen sind weit ausgebreitet, ohne dass er sichtbar einen Flügelschlag machen muss. Die Sonne zeichnet goldbraune Reflexe in sein Gefieder. Gegen die dunkelgrünen Wälder und die grauen Bergflanken wirkt seine Silhouette beinahe majestätisch. Immer wieder stößt er einen durchdringenden Ruf aus, der weit über die Almwiesen hallt. Lautlos nutzt er die aufsteigende Warmluft und zieht große Kreise über den Gipfeln.

Für einen Moment scheint er völlig schwerelos. Frei von Terminen, Sorgen und Fahrradketten.
Die holen mich wenig später wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.
Drei Kilometer vor unserem Ziel wartet der letzte Anstieg des Tages. Steil. Lang. Unerbittlich.
Heute verfügen wir zum Glück noch über ausreichend Energie in den Beinen und in den Akkus. Trotzdem verlangt die Strecke höchste Konzentration. Jeder Meter fordert Aufmerksamkeit, Gleichgewicht und saubere Linienwahl.
Dann springt plötzlich meine Kette ab.
Mitten am steilen Hang.
Wer noch nie versucht hat, ein voll beladenes Reiserad an einer engen Bergstraße festzuhalten, während man gleichzeitig eine Kette auflegt, kennt diese besondere Form sportlicher Ertüchtigung nicht. Das Fahrrad möchte permanent talwärts. Ich möchte das verhindern. Das Fahrrad hält meinen Plan für überbewertet.
Kaum ist die Kette wieder montiert, springt sie erneut herunter.
Spätestens jetzt fließt der Schweiß nicht mehr nur wegen des Anstiegs.
Nach einer letzten Kraftanstrengung erreichen wir schließlich die Passhöhe. Die folgende Abfahrt genießen wir in vollen Zügen. Kurz vor dem Ziel verpassen wir zwar noch eine Abzweigung, doch der Schaden hält sich in Grenzen. Gerade einmal 250 Meter müssen wir zurückfahren.
Um 14:30 Uhr rollen wir schließlich zufrieden auf den Hof des Hotels Anneliese in Unterjoch.
Schon beim Betreten des Zimmers macht sich Erleichterung breit. Das großzügige, moderne Zimmer bietet alles, was man sich nach einer anspruchsvollen Radetappe wünscht. Das große Boxspringbett wirkt wie eine persönliche Einladung an müde Radfahrer. Die Matratze verspricht genau die Mischung aus Komfort und Unterstützung, die man nach vielen Stunden im Sattel zu schätzen weiß.
Das Badezimmer stammt zwar noch aus einer früheren Generation und wartet sichtbar auf seine Modernisierung, ist aber sauber, funktional und gepflegt.
Der Balkon lädt zum Verweilen ein. Von hier schweift der Blick über die Berglandschaft, während die Nachmittagssonne langsam an Kraft verliert.
Besonders gelungen ist der Außenbereich. Vor dem Schwimmbad erstreckt sich eine großzügige Terrasse mit ausreichend Platz zum Entspannen. Nach einer Tour wie dieser erscheint der Weg vom Liegestuhl zur Sauna plötzlich wie eine sportliche Herausforderung, die man gerne annimmt.
Dazu kommen Safe, Minibar, die Möglichkeit einer Halbpension und ein sicherer Fahrradunterstand, der jedem Radreisenden sofort ein gutes Gefühl vermittelt.
Während wir später auf der Terrasse sitzen, fällt unser Blick erneut auf die Berge.
Sie sehen noch genauso beeindruckend aus wie am Morgen.
Aber eines haben sie bis zum Abend nicht geschafft:
Sie konnten Martina immer noch nicht in den Arm nehmen.
