Manchmal beginnt eine Radtour nicht mit dem ersten Tritt in die Pedale, sondern mit einem kräftigen Donner in der Nacht.
Vor dem Anradeln der Wispo Radtour 2026 hatte es heftig gewittert. Nach der Bruthitze des Vortages war das fast ein Geschenk. Die Luft war am Morgen kühler, klarer und wieder atembar. Genau die richtige Mischung aus Erleichterung und Restfeuchtigkeit, die einen daran erinnert: Natur plant nicht nach Vereinskalender.
Um 9.00 Uhr trafen wir uns am Rat(d)Haus. Mit dabei waren Udo, Axel, Jens und ich, Robert. Der erste Weg führte uns zum Bahnhof Wilhelmshöhe. Von dort sollte es mit der RB11 nach Paderborn gehen. Sollte. Denn plötzlich und unerwartet fiel der Zug aus.

Damit war Plan A erledigt. Plan B wurde kurz betrachtet. Dann griff Plan C. Und Plan C hieß Lothar.

Lothar, Wintersportmitglied der ersten Stunden, brachte uns kurzerhand mit einem seiner Fahrzeuge zum Startpunkt nach Paderborn. Das war nicht nur praktisch, sondern rettete den Start der Tour. Während der Fahrt entstanden natürlich sofort Gespräche über die Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn. Sagen wir es so: Es wurde nicht langweilig. Jens blieb hartnäckig am Thema Fahrgastrechte dran. Sein Engagement zahlte sich aus, denn eine Erstattung der Tickets wurde uns in Aussicht gestellt.
Gegen 10.00 Uhr erreichten wir den Parkplatz an der Paderhalle. Dort begann das eigentliche Erkunden der Strecke. Vom Startpunkt aus suchten wir den passenden Radweg, prüften Abzweige, Haltepunkte und mögliche Pausenorte. Genau darum ging es beim Anradeln: nicht nur Kilometer sammeln, sondern die spätere Wintersport-Radtour 2026 sauber vorbereiten.
Die erste mögliche Frühstückspause fanden wir bei der Brückenbaustelle und dem Platz mit den Mühlensteinen bei Altenau und Kirchborchen. Die Baustelle besteht dort inzwischen seit längerer Zeit. Für die spätere Tour sollte klar kommuniziert werden, dass man hier besser gleich über die rechts verlaufende Straße fährt. Das spart Sucherei und unnötiges Hin und Her.
Als weiterer Pausenpunkt kam der Alte Park mit Toilette infrage. Praktisch, ruhig und für eine Gruppe grundsätzlich geeignet. Allerdings müsste man auf der gegenüberliegenden Seite bei der Pension parken und die Sachen etwa 50 Meter tragen. Kein Drama, aber ein Punkt, den man vorher wissen sollte.
Gegen 12.00 Uhr legten wir einen Stopp an der Wellness-Oase ein. Wenn ein Haltepunkt so heißt, erwartet man fast automatisch Liegestühle, Gurkenwasser und dezente Harfenmusik. Bekommen haben wir eine solide Frühstückspause und eine klare Erkenntnis: Als Pausenort funktioniert dieser Punkt. Um 13.00 Uhr ging es weiter.

Die Strecke führte uns entlang einer „tierisch fruchtbaren Straße“. Der Name passte. Links und rechts zeigte sich die Landschaft satt, grün, lebendig. Felder, Wiesen, Tiere, kleine Wege, warme Luft.
Später erreichten wir die Klostergaststätte Dahlheim. Dort wartete Kuchen aus der Bäckerei in einer Größe, bei der man kurz überlegt, ob man ihn essen oder als Ersatzreifen mitnehmen soll. Dazu regionale Speisen, frisch und ordentlich zubereitet. Zum Draußensitzen war es zu warm. Das hausgebraute Bier war bernsteinfarben, gut gekühlt und sauber gezapft. Genau so muss das sein.


Danach kam die erste große Herausforderung des Tages. Eine fast nicht enden wollende Steigung von rund zwei Kilometern auf gut fahrbarer Asphaltstraße. Technisch kein Problem, aber in der prallen Sonne wurde daraus eine echte Prüfung. Jeder Tritt war spürbar. Jeder Meter wollte erarbeitet werden. Oben angekommen war klar: Diese Passage fordert, aber sie ist machbar.
Der Platz für eine spätere Kaffeepause wurde intensiv gesucht. Mehrere Möglichkeiten wurden geprüft. Dabei ging es nicht nur um Romantik, sondern um harte Praxis: Wo kann eine Gruppe halten? Gibt es Schatten? Gibt es Toiletten? Können Räder sicher abgestellt werden? Ist der Ort für alle erreichbar?

Weiter ging es durch ein kleines Naturschutzgebiet am Hammerbach. Links und rechts des kleinen Flusses standen zwei Wiesendherden auf den Wiesen. Solche Flächen entstehen nicht zufällig. Beweidung hält Landschaft offen, verhindert Verbuschung und schafft Lebensräume für viele Pflanzen, Insekten und Vögel. Unterschiedliche Tiere auf solchen Flächen sorgen durch ihr Fressverhalten dafür, dass nicht alles gleichmäßig kurzgefressen wird. Dadurch entstehen kleine Strukturen: hohe Halme, kurze Grasflächen, offene Stellen, feuchte Ränder. Für die Natur ist genau diese Unordnung wertvoll.
Kurze Zeit später kamen wir im Hotel an. Dann begann ein weiterer wichtiger Programmpunkt: das ausgiebige Testen der Kaltgetränke auf der Terrasse. Nach Hitze, Steigung und Streckensuche war das kein Luxus, sondern fast schon medizinisch notwendig. Nach einer kurzen Erfrischungs- und Erholungspause auf den Zimmern trafen wir uns gegen 19.00 Uhr zum Abendessen.
Das Hotel zeigte sich als gemütliches, modernes Landhotel mit freundlichem und aufmerksamem Personal, guter Küche, moderaten Preisen, ruhigen modernen Zimmern und einer einladenden Terrasse. Beim Abendessen ließen wir den Tag Revue passieren. Außerdem besprachen wir ausführlich die Verpflegung für die spätere Radtour. Wünsche und Erwartungen der Teilnehmenden wurden aufgenommen. So entsteht am Ende keine Tour auf dem Papier, sondern eine Tour, die für Menschen funktioniert.

Nebenbei freuten wir uns auf das Fußballspiel Deutschland gegen die Elfenbeinküste. Nach so einem Tag darf der sportliche Teil auch mal vom Sattel auf den Bildschirm wechseln.
Am zweiten Tag ging es von Germete zurück Richtung Lohfelden. Am Morgen zeigte sich das Wetter wieder mit Nachdruck. Zwischen 7.00 Uhr und 8.00 Uhr zogen heftiger Regen und Gewitterschauer durch. Die Luft kühlte enorm ab. Nach dem reichhaltigen Frühstück fühlte sich das fast angenehm an. Bei etwa 22 Grad starteten wir. Im Vergleich zur Hitze des Vortages war das schon fast kalt.
Der Radweg zeigte sich sofort von seiner schönen Seite. Die Luft roch frisch. Gräser, Bäume und feuchtes Laub wirkten intensiver. Alles war grüner, klarer, gewaschener. Einzelne Wiederkäuer suchten Schutz unter Bäumen. Ihr zotteliges Fell hing nass in Strähnen herunter. Die Pfützen auf dem Weg zeigten deutlich, mit welcher Kraft der Regen in den vergangenen Stunden gefallen war.
Wir radelten Richtung Osten. Über uns hing noch ein bewölkter Himmel, aber die Sonne arbeitete daran, die Wolken zur Seite zu schieben. Ich war mir sicher: Im Laufe des Tages würde ihr das gelingen. Leider sollte sie später etwas zu ehrgeizig werden.
Das Vogelgezwitscher setzte wieder ein. Erst vorsichtig, dann vielstimmig. Eine Amsel zog ihr „tüüü-dü-dü-dü“ durch die feuchte Luft. Ein Buchfink antwortete mit „pink-pink-pink“. Irgendwo tickte ein Rotkehlchen sein „tik-tik-tik“ in die Hecke. Schwalben schnitten mit einem schnellen „zriii-zriii“ durch den Himmel. Dazwischen kam plötzlich das metallische Geräusch eines Rennrads. Der Leerlauf ratterte, ratschte und knarrte. Dieses feine mechanische Surren durchschnitt die Stille wie ein Reißverschluss in einer Kirche.
Wir erreichten die Gegend um Warburg. Warburg ist eine Hansestadt. Das klingt groß und mittelalterlich, und genau das ist es auch. Eine Hansestadt gehörte früher zur Hanse. Die Hanse war ein Bündnis von Kaufleuten und Städten. Gemeinsam wollten sie Handel sicherer machen, Waren besser verkaufen und Wege schützen. Einfach gesagt: Viele Städte arbeiteten zusammen, damit der Handel funktionierte. In der Nähe haben auch Orte wie Hofgeismar, Korbach, Marsberg und Höxter eine historische Verbindung zur Hanse.

Entlang der Strecke fiel uns die starke Präsenz des Reitsports auf. Viele Pferde standen auf Koppeln. Dazu kamen Reithallen, Ausläufe, Trainingsflächen und Parcours. Auf den Parkplätzen standen Autos mit Kennzeichen aus verschiedenen Regionen. Das zeigte klar: Wer Teil dieser Gemeinschaft sein will, nimmt auch längere Wege in Kauf. Pferdesport ist nicht nur Bewegung. Es ist Zeit, Pflege, Bindung und viel Organisation.
Die Diemel begleitete uns in diesem Abschnitt als lebendige Linie durch die Landschaft. Durch die Regenfälle war sie wilder geworden, schlammiger und trüber. Normalerweise wirkt sie hier eher ruhig und freundlich. Nach starkem Regen zeigt sie aber auch ihre andere Seite. Wasserstände können steigen, Strömungen stärker werden und Uferbereiche schnell rutschig sein. Genau das macht Flüsse aus: Sie sind schön, aber nie bloß Dekoration.

An der Diemel kann man viel unternehmen. Allein kann man wandern, radeln, angeln oder einfach am Wasser sitzen. In der Gruppe bieten sich Radtouren, Kanutouren und Naturbeobachtungen an. Mit Kindern sind kurze Wege am Wasser, Picknickplätze, Tierbeobachtungen und einfache Naturerklärungen ideal. Wichtig bleibt: Nach Regen ist Vorsicht geboten. Wasser sieht oft harmloser aus, als es ist.
Am Ufer standen einzelne Angler nebeneinander. Gut ausgestattet, mit mehreren Ruten, wetterfester Kleidung und dieser besonderen Ruhe, die man entweder hat oder nie lernen wird. Manche waren vermutlich schon seit Sonnenaufgang dort. Warum macht man das? Wegen der Fische natürlich. Aber nicht nur. Angeln bedeutet Warten, Abschalten, Beobachten, Ruhe finden. Typische Fischarten der Diemel sind Bachforelle, Äsche und Barbe. Die Bachforelle liebt sauerstoffreiches, klares Wasser. Die Äsche ist empfindlich und gilt als eleganter Flussfisch. Die Barbe hält sich gerne in stärker strömenden Bereichen auf und ist ein kräftiger Grundfisch.
Beim Vorbeifahren an frisch geschorenen Schafen fiel mir das Wort Schafskälte ein. Schafskälte bezeichnet einen Kälteeinbruch im Juni. Früher war das für Schafe nach der Schur problematisch, weil ihnen das wärmende Fell fehlte. Eine Bauernregel fasst solche Erfahrungen in kurze Merksätze. Bauernregeln entstanden aus langer Beobachtung von Wetter, Pflanzen und Tieren. Heute ersetzen sie keine Wetter-App und kein meteorologisches Modell mehr. Trotzdem erzählen sie viel darüber, wie aufmerksam Menschen früher Natur gelesen haben. Vielleicht war das nicht immer exakt, aber oft erstaunlich nah dran.
Der Radweg war gut befestigt und hervorragend ausgeschildert. Noch wurden wir von leichtem Nieselregen begleitet. Kleine Tropfen prasselten minutenweise auf uns herunter. Auf der Diemel entstanden dabei Kreise. Erst kleine Ringe, dann größere Muster, dann ganze Ornamente auf der Wasseroberfläche. Je nach Größe der Tropfen veränderte sich das Bild. Für einen Moment sah der Fluss aus, als würde jemand mit unsichtbarer Hand ständig neue Zeichnungen hineinlegen.
Von den Anhöhen öffneten sich weite Blicke in die Täler. Vor uns lagen unterschiedliche Grüntöne der Wiesen, dunklere Baumflächen, hellere Getreidefelder, graugoldenes gemähtes Gras und reifende Felder. In der Ferne stiegen Nebelschwaden aus den Senken. Ein Storch zog stolz über die gemähten Wiesen. Das leise, monotone Geräusch des Nieselregens im Laub begleitete uns wie ein feiner Rhythmus.
Am Wegesrand blühten Mohnblumen und Kornblumen. Das Rot des Klatschmohns leuchtete kräftig aus dem Grün, die Kornblumen setzten blaue Punkte dazwischen. Mohn blüht meist vom späten Frühjahr bis in den Sommer, Kornblumen ebenfalls in den Sommermonaten. Viel Duft geben sie nicht ab, aber optisch sind sie stark. Für Insekten sind solche Blühpflanzen wertvoll. Auch manches, was gern als Unkraut bezeichnet wird, hat Nutzen. Es bietet Nahrung, Schutz und Vielfalt. Nicht jede Pflanze muss ordentlich aussehen, um wichtig zu sein.
Die Windräder in der Ferne zeigten uns außerdem: Heute hatten wir leichten Rückenwind. Kein Sturm, kein Geschenk des Himmels, aber genug Schiebewind, um den Nieselregen etwas freundlicher wirken zu lassen.

Hinter Liebenau öffnete sich die Landschaft noch einmal auf beeindruckende Weise. Der Radweg führte durch eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft mit weiten Feldern, kleinen Waldstücken und immer wieder überraschenden Ausblicken in die Täler der Region. Besonders spannend war zu beobachten, wie sich hier Natur und Geschichte begegnen. Alte Wirtschaftswege, markante Gehöfte und die sanften Höhenzüge erzählen von Jahrhunderten landwirtschaftlicher Nutzung. Wer aufmerksam fährt, entdeckt Greifvögel über den Feldern, seltene Blühpflanzen an den Wegsäumen und immer wieder neue Perspektiven auf das Diemeltal. Gerade diese Mischung aus Bewegung, Landschaft und kleinen Entdeckungen macht den Reiz dieser Passage aus und sorgt dafür, dass man nicht einfach nur Strecke macht, sondern die Region wirklich erlebt.
Dann kam wieder eine Steigung. Saftig, knackig, rund 1,8 Kilometer lang. Sie kostete Kraft, belohnte aber mit herrlichen Ausblicken. Tatsächlich kamen wir sogar an Weinbergen vorbei. Der Weg zog sich leicht am Hang entlang, vorbei an Obstbäumen. Birnen und Äpfel zeigten bereits, was der Herbst später liefern würde.
Während des steilen Anstiegs wird der Kopf irgendwann still. Man fokussiert sich auf Atmung, Trittfrequenz und den nächsten Meter. Das Wort Regenwald bekam plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Wald gab es. Regen auch. Nur der Papagei fehlte. Und ehrlich gesagt: Den hätte ich an dieser Stelle wahrscheinlich gebeten, mein Rad zu schieben.
Oben am Hofmannberg stellte ich der Gruppe die entscheidende Frage: Können wir diesen steilen Anstieg der späteren Gruppe zumuten oder planen wir besser eine Alternative?
Die Antwort kam einstimmig. Ohne große Bedenken. Mit nachvollziehbaren Gründen. Ja, diese Herausforderung bleibt drin. Die Passage ist anspruchsvoll, aber machbar. Sie bringt sportlichen Charakter in die Tour und belohnt mit Landschaft. Genau solche Stellen machen eine Radtour erinnerbar.
Trotzdem bleiben organisatorische Punkte offen. Als Pausenplatz kommt eventuell die Herwig-Blankertz-Schule in Hofgeismar infrage. Allerdings fehlen dort wohl Toiletten. Eine Alternative könnte der Mittagsplatz in Grebenstein an der Schule sein oder in?
Am Nachmittag wurde es deutlich unangenehmer. Die Sonne setzte sich durch. Aus angenehmen 22 Grad wurden schließlich 34 Grad in der stechenden Sonne. Das Radeln wurde anstrengend. Nicht dramatisch, aber deutlich fordernder. Genau solche Erfahrungen sind beim Anradeln wichtig. Auf der Karte sieht jede Strecke neutral aus. In der Realität entscheiden Wetter, Hitze, Pausen, Schatten, Belag und Gruppendynamik.
Lothar begleitete uns am zweiten Tag bis nach Hofgeismar mit seinem Zeitrad. Danach musste er pannenbedingt abbrechen. Schade, aber auch das gehört zum Radfahren. Wer Touren plant, sollte immer damit rechnen, dass Material irgendwann eigene Entscheidungen trifft.
Am Ende bleibt ein sehr positives Fazit. Das Anradeln der Wispo Radtour 2026 war informativ, sportlich, landschaftlich stark und menschlich angenehm. Die Gruppe war ausgeglichen, hilfsbereit und harmonisch. Es wurde diskutiert, geprüft, entschieden und gelacht. Genau so muss eine Erkundungstour laufen.
Ein herzlicher Dank geht an Udo, Axel, Jens und Lothar für die hilfreichen Hinweise, die offene Einschätzung der Strecke und die gute Stimmung. Besonders danke an Lothar für den spontanen Transport nach Paderborn und an Jens für seinen hartnäckigen Einsatz rund um die Ticket-Erstattung. Ohne solche engagierten Mitglieder im Wintersportverein bleibt ein Plan ein Plan. Mit ihnen wird daraus eine Tour.
