22.05.2026 Hauptstädteroute Berlin / Bonn 1. Tag Kassel nach Rotenburg a. d. Fulda

3.30 Uhr. Der Wecker klingelt gnadenlos früh in Elmshorn. Draußen noch diese schwere norddeutsche Morgenluft, kühl, leicht feucht, fast still. Der Tag begann direkt mit Bahnromantik in ihrer ehrlichsten Form. In Hamburg am Bahnhof der Aufzug defekt, dann Streckensperrung, zusätzliches Chaos und später in Hannover nochmal 30 Minuten Aufenthalt wegen einspuriger Streckenführung. Und trotzdem lief alles irgendwie. Fast pünktlich in Kassel angekommen. 12 Grad warm, die Luft weich, deutlich angenehmer als gedacht. Robert wie vereinbart getroffen und direkt runter zur Fulda geradelt.

Um 9.30 Uhr starteten wir am Fernbahnhof Kassel-Wilhelmshöhe offiziell unsere diesjährige „Vatertagstour“. Normalerweise findet diese Tour traditionell über Christi Himmelfahrt statt. Dieses Jahr ließ sich das aus beruflichen Gründen leider nicht realisieren. Also haben wir die Tour einfach um eine Woche verschoben. Und ehrlich gesagt war das vielleicht sogar die bessere Entscheidung. Sonne satt, trockene Wege und nahezu perfektes Radfahrwetter.

Der kleine Wermutstropfen: Das lange Pfingstwochenende lockt gefühlt sämtliche Radfahrer Deutschlands auf die Wege. Gerade an beliebten Streckenabschnitten entstehen dadurch manchmal hektische, unvorhersehbare Situationen. Familien, E-Bikes, Rennradfahrer, Hunde, plötzliches Abbremsen, Schlenker ohne Schulterblick. Man muss aufmerksam bleiben. Trotzdem überwiegt die Freude darüber, dass so viele Menschen draußen unterwegs sind.

Diese Tour ist gleichzeitig der zweite Teil der Deutschen Hauptstadtroute von Berlin nach Bonn beziehungsweise Bonn nach Berlin. Die erste Etappe von Berlin bis Goslar haben wir bereits im letzten Jahr abgeradelt. Das Teilstück zwischen Goslar und Kassel haben wir diesmal bewusst ausgelassen, weil wir weite Teile der Strecke bereits von anderen Touren sehr gut kennen.

Ab Kassel begann heute wieder neues Terrain und sofort dieses besondere Gefühl von Freiheit.

Der Fuldaradweg zeigte sich von seiner besten Seite. Gut erhaltene Wege, leichter Westwind angenehm von hinten, überall dieses satte Frühlingsgrün. Rechts und links riesige gelbe Rapsfelder, die so intensiv dufteten, dass man manchmal automatisch langsamer wurde. Dazu der Geruch feuchter Erde, frisch gemähter Wiesen und immer wieder diese kühle, leicht modrige Note des Flusses. Natur riecht eben nicht geschniegelt. Sie riecht ehrlich.

Dazwischen Vogelkonzerte ohne Pause. Amseln, Lerchen, Schwalben und immer wieder dieses typische Rufen des Kuckucks aus der Ferne. Pferde standen entspannt auf den Weiden, Kühe lagen schwer atmend im Gras, Schafe blökten irgendwo hinter kleinen Hügeln. Genau diese Momente machen Radreisen so brutal entschleunigend. Kein Autofenster. Kein Filter. Alles direkt.

In Melsungen erstmal Pause am Marktplatz beim Schwälmer Bäcker. Kaffee, mitgebrachte Bemmen und erstmal Roberts schwachen Akku geladen. Die Sonne knallte inzwischen ordentlich. Auf der Apothekenanzeige standen bereits 27 Grad. Arme und Beine haben die Sonne direkt quittiert. Der erste leichte Sonnenbrand des Jahres. Gehört fast dazu.

Weiter ging es vorbei an B. Braun und diesen fast futuristisch wirkenden Gebäuden mit perfekt gepflegten Grünflächen. Danach leider ein kleiner Dämpfer: Die Seilfähre in Beiseförth über die Fulda war defekt. Also improvisieren und weiter.

Kurz vor Rothenburg an der Fulda zog plötzlich dieser typische Geruch eines vorausfahrenden Biomülltransporters durch die warme Luft. Nicht schön. Aber irgendwie gehört selbst sowas zu so einer Tour dazu. Zwei Minuten später wieder frische Wiesenluft und Flussgeruch. Natur gewinnt am Ende immer.

Rothenburg selbst wirkte lebendig und entspannt zugleich. Kopfsteinpflaster, Stimmengewirr, klappernde Gläser draußen vor den Cafés, irgendwo ein Motorrad, Kinderlachen in den Gassen. Dann die Pause bei einer rassigen Italienerin. Handwerklich wirklich gutes Eis. Kein überzuckerter Einheitsbrei, sondern cremig, intensiv und ehrlich gemacht. Danach kurz durch die Altstadt geschlendert, beim alteingesessenen Bäcker noch Frühstück für Samstag organisiert und an der Staustufe den kleinen Wasserfall beobachtet. Dieses dumpfe Rauschen des Wassers hatte fast etwas Meditatives.

Nur 1,5 Kilometer weiter dann der Campingplatz direkt an der Fulda. Ankunft gegen 15.30 Uhr. Und ehrlich: Volltreffer.

Super Lage direkt am Wasser, schattige Bäume, entspannte Atmosphäre. Dazu diese mobile Dusch- und WC-Lösung mitten auf der Zeltwiese, ungewöhnlich aber praktisch. Sanitäranlagen tip top sauber. Empfang freundlich, viele Infos bekommen. Strom kostet pro Person 1 Euro, der Platz 14 Euro plus 2,20 Euro Kurtaxe. Kartenzahlung möglich, nur die Kurtaxe in bar.

Der Biergarten war richtig gut besucht. Viele Radfahrer machten dort Rast. Kaltes Bier, Stimmengewirr, klirrende Gläser, entspannte Gesichter nach langen Etappen. Die Mitarbeiterinnen aufmerksam, freundlich und trotz vollem Betrieb angenehm ruhig. Im Food Truck dagegen leichte Unsicherheit und Hektik spürbar, aber der Burger war trotzdem richtig lecker.

Jetzt sitzen wir hier mit schweren Oberschenkeln, warmen Armen, leicht roten Beinen und diesem zufriedenen Gefühl, das nur ein langer Tag auf dem Fahrrad erzeugt. Genau deshalb sollte man öfter Rad fahren. Nicht wegen Geschwindigkeit oder Sport. Sondern wegen all dieser kleinen Eindrücke dazwischen, die man sonst einfach verpasst.

Unsere geplante Ankunft ist am Dienstag gegen 14 Uhr am Kölner Hauptbahnhof. Dazwischen liegen noch viele Kilometer, neue Begegnungen, kleine Abenteuer und hoffentlich viele weitere solche Tage.

Wir werden berichten und euch mitnehmen.

Schön, dass ihr dabei seid.

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