Der dritte Tag begann unspektakulär. Einfaches Frühstück, bodenständig, ehrlich, ausreichend. Nichts für „eingefleischte“ Vegetarier, aber nach zwei Tagen im Sattel zählt manchmal weniger die große Auswahl als ein heißer Kaffee und ein freundlicher Service. Und genau der war wieder erstklassig. Ruhig, aufmerksam und angenehm unaufgeregt.
Die ersten Kilometer führten über Teile des Rotkäppchen-Radwegs. Kühler Waldgeruch lag in der Luft, feuchte Erde, Vogelstimmen, knarzende Fahrräder und dieses beruhigende Lichtspiel der Sonne zwischen den Bäumen. Solche Passagen sind Gold wert, wenn der Tag später gnadenlos heiß werden soll.
In Neustadt ragte plötzlich der Junkerturm vor uns auf. Ein Relikt aus dem Mittelalter, gebaut im 13. Jahrhundert als Teil der Stadtbefestigung und als Symbol von Macht, Schutz und Kontrolle. Früher blickte man von dort wachsam auf Handelswege und mögliche Gefahren. Heute wirkt der Turm fast friedlich. Still. Als würde er den Menschen sagen: Ihr kommt und geht. Ich bleibe.

Hinter Bad Sooden-Allendorf fuhren wir an Ferrero vorbei. Ehrlich gesagt hatte ich wenigstens auf einen Hauch Nutella-Duft gehofft. Nichts. Keine süße Schokoladenwolke, kein Duft von gerösteten Haselnüssen. Ein kleiner Kindheitstraum platzte lautlos am Straßenrand.
Kurz darauf dann etwas völlig Unerwartetes. Ein privater „Truppenübungsplatz“. Selbst gebaute Panzer im Maßstab 1:5 und 1:6, teilweise bis zu 300 Kilogramm schwer, komplett fahrbereit, mit Trainingsgelände, Technik und unfassbarer Liebe zum Detail. Männer mit ölverschmierten Händen, glänzenden Augen und Fachwissen bis in die letzte Schraube erklärten uns voller Begeisterung ihre Modelle. Genau solche Begegnungen machen Radreisen besonders. Du planst eine Route und findest plötzlich Geschichten.


Immer wieder sahen wir majestätische Störche auf ihren Nestern. Breitbeinig, stolz, ruhig. Fast wie Wächter über die Dörfer. Nach unserem ersten und einzigen ernsthaften Anstieg lief es plötzlich richtig gut. Beine locker, Rhythmus gefunden, Rückenwind im Kopf. Erst nach 54 Kilometern gönnten wir uns in Marburg eine längere Pause.
Die Altstadt wunderschön. Fachwerk, Kopfsteinpflaster, Stimmengewirr, Eisbecher, Studentenleben. Nur eine klassische Bäckerei suchten wir erstaunlich lange vergeblich. Dafür rettete uns wie so oft ein Schwälmer Brotladen. Ehrlich gesagt: Diese Läden sind in Hessen sowas wie kleine Versorgungsstationen für hungrige Radfahrer. Frische Brötchen, Kuchen, belegte Teilchen. Kein Schnickschnack. Einfach gut.

Und während die Kilometer vorbeizogen, kam ein Thema immer wieder hoch: Heimat.
Was bedeutet Heimat eigentlich noch?
1960 war Heimat oft klar definiert. Geburtsort, Familie, Betrieb, Vereinsleben, Kirche, Nachbarschaft. Viele Menschen arbeiteten ihr gesamtes Leben im selben Unternehmen, wohnten oft nur wenige Kilometer von ihren Eltern entfernt und verbrachten ihr Leben in festen sozialen Strukturen. Mobilität war begrenzt, die Welt kleiner.
1990 begann vieles aufzubrechen. Wiedervereinigung, Globalisierung, neue Arbeitsmärkte, mehr Individualität. Menschen wurden flexibler, zogen häufiger um, wechselten Berufe, lebten nicht mehr zwangsläufig dort, wo sie geboren wurden. Heimat wurde langsam weniger ein Ort und mehr ein Gefühl.
Heute ist das Bild noch komplexer. Viele Menschen arbeiten digital, pendeln zwischen Städten oder Ländern, leben in Patchworkstrukturen oder fern der Familie. Kinder ehemaliger Gastarbeiter aus der Türkei, Italien oder dem ehemaligen Jugoslawien sind längst Teil Deutschlands. Oft mit mehreren kulturellen Identitäten gleichzeitig. Zuhause ist dann vielleicht der Geruch der Küche der Großeltern, die Sprache auf Familienfeiern und gleichzeitig der Fußballverein vor Ort oder die eigene Stadt.
Dazu kommen Kriegsflüchtlinge aus Syrien oder der Ukraine. Menschen, die Heimat nicht freiwillig verlassen haben, sondern weil Bomben, Gewalt und Angst stärker waren als jede Bindung. Für viele wird Heimat dadurch etwas Zerbrechliches. Etwas, das man erst versteht, wenn es plötzlich fehlt.
Vielleicht ist Heimat am Ende weniger ein Ort als Menschen, Erinnerungen, Gerüche, Geräusche. Vielleicht dieses Gefühl, irgendwo ankommen zu dürfen, ohne sich erklären zu müssen.
Der Rest des Tages wurde heiß. Brutal heiß. 29 Grad gegen 14 Uhr, keine Wolke am Himmel, kaum Schatten. Der Asphalt flimmerte, Schotterwege rüttelten Arme und Rücken durch, erste unbefestigte Waldpassagen kosteten Kraft. Aus der Ferne hörte man Freibäder. Kinderlachen, pfeifende Bademeister, das Klatschen von Wasser. Und man konnte förmlich Sonnencreme und Pommes riechen.
Der erste Campingplatz an einem See? Security am Eingang, unfreundlicher Ton und komplett belegt. Im Nachhinein ein Glücksfall.
Der zweite Platz direkt an der Lahn war klein, abgeschieden und irgendwie seltsam. Manchmal merkt man innerhalb von zwei Minuten: Hier möchten wir heute nicht bleiben.
Also weiter.
Da erst früher Nachmittag war und gerade einmal 90 Kilometer auf dem Tacho standen, rollten wir bis Gießen. Eine Stunde Pause im klimatisierten Bolero. Akkus laden. César Salad essen. Durchatmen. Man unterschätzt schnell, wie sehr ein kühler Raum nach Stunden in der Sonne wie Luxus wirkt.

Kurz hinter Dutenhofen dann der Klassiker jeder Radreise: verfahren. Natürlich erst bemerkt, nachdem wir schwitzend einen steilen Berg hochgekrochen waren. Immerhin war die Abfahrt deutlich angenehmer als der Aufstieg. Danach leichter Gegenwind. Klingt erstmal schlecht, fühlte sich bei der Hitze aber fast wie eine mobile Klimaanlage an.
Nach 115 Kilometern erreichten wir glücklich den Campingplatz in Wetzlar. Die Rezeptionsdame sagte trocken: „Voll.“
Ich bat sie trotzdem, nochmal beim Chef nachzufragen.
Zack. Plätze frei.
Geht doch.
Abends dann Haxe vom Grill mit Sauerkraut und Laugenbrezel. Bei über 30 Grad hatte das Essen keine Chance kalt zu werden. Wir teilten uns eine Portion. Wahrscheinlich vernünftiger so. Morgen früh gibt es frische Brötchen zum Instant-Cappuccino und dann geht es weiter Richtung Limburg.
Und wenn du bis hier gelesen hast: Respekt. Wirklich.
Dann hast du vermutlich auch verstanden, dass solche Reisen mehr sind als Kilometer und Fotos. Sie zeigen Freiheit, Gesundheit und Möglichkeiten. Dinge, die leider nicht jeder Mensch selbstverständlich hat.
Deshalb mit einem kleinen Augenzwinkern und ernst gemeintem Herzen: Der Mukoviszidose Selbsthilfe e.V. Kassel freut sich über Unterstützung. Vielleicht spendest du einfach den Betrag eines Kaffees, eines Kuchens oder eines Radlers. Für dich kaum spürbar. Für andere vielleicht ein kleines Stück Hoffnung.
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