31.12.2025

2025 war für mich ein Jahr, das sich von außen oft laut und unruhig angefühlt hat und innen gleichzeitig stiller geworden ist. Während auf der Welt weiter Kriege und Krisen liefen, die man kaum noch wegfiltern kann, weil sie sich wie ein dauerndes Hintergrundrauschen in den Alltag fräsen, habe ich gemerkt, wie stark mich das trotzdem berührt. Ukraine, Israel und Palästina mit dem unbegreiflichen Leid, Sudan, Myanmar und diese vielen anderen Orte, die in den Nachrichten manchmal nur noch wie Überschriften wirken, obwohl dahinter echte Leben zerbrechen. Ich habe dabei nicht das Gefühl, ich müsste zu allem eine Meinung haben, aber ich spüre dieses Unbehagen, diese Sorge, dass wir uns an Unmenschlichkeit gewöhnen könnten, wenn wir nicht aufpassen. Genau in diesem Spannungsfeld ist mir klar geworden, was ich wirklich schützen will: mein kleines Stück Frieden, meine Beziehungen, meine Gesundheit und diese Fähigkeit, das Leben nicht nur zu überstehen, sondern noch bewusst zu leben.

Ein wichtiger Schritt war, dass ich den Beginn meiner Altersruhezeit festgelegt habe. Das klingt nach Papierkram, ist aber in Wahrheit ein Schalter im Kopf. Plötzlich wird Zeit nicht mehr etwas, das man nebenbei verbraucht, sondern etwas, das man bewusst einsetzen will. Dazu passt, dass ich einen Radunfall unbeschadet überstanden habe. Dieses Wort „unbeschadet“ ist nüchtern, aber für mich steckt darin Dankbarkeit und ein sehr klarer Hinweis: Du kannst viel planen und trotzdem entscheidet manchmal ein kurzer Moment darüber, wie es weitergeht. Vielleicht bin ich auch deshalb gelassener geworden. Ich akzeptiere andere Menschen mehr so, wie sie sich fühlen, ohne sie dauernd verstehen oder korrigieren zu wollen. Ich merke, dass es mir guttut, weniger zu kämpfen, weniger zu bewerten, weniger im Kopf zu sein. Und ich habe konsequent auf Alkohol verzichtet. Nicht als heroische Leistung, sondern als eine Entscheidung, die mich ruhiger, klarer und körperlich stabiler macht.

Es gab schöne Dinge, die 2025 hell gemacht haben. Urlaub mit Martina, wirklich entspannt, nicht nur „rauskommen“, sondern ankommen. Zeit mit der Familie, besonders mit den Enkeln diese Momente, in denen man plötzlich merkt, wie klein und wie groß das Glück gleichzeitig ist. Und dann dieses Gefühl, bald ein drittes Enkelkind in den Armen zu halten, etwas, das nach Zukunft riecht, nach Wärme und nach einem neuen Anfang. Ich habe außerdem mein Buch „Freidurchatmen“ veröffentlicht. Das war für mich mehr als ein fertiges Projekt. Es war ein Punkt hinter etwas, das mich lange begleitet hat, und ein leiser Beweis, dass aus Gedanken etwas wird, wenn man dranbleibt. Manchmal schaue ich auf das Buch und denke: Das ist nicht nur Text, das ist ein Teil meines Weges, sauber zu Ende gegangen.

Und trotzdem war da auch Melancholie, die sich nicht wegdenken lässt. 2025 sind wichtige Menschen aus meinem Berufsleben gestorben. Ich halte sie bewusst anonym, aber nicht, weil sie mir egal wären, sondern weil sie mir nah waren. Es waren enge, fürsorgliche Bindungen und genau deshalb schmerzt es. Der Tod hat diese Art, die Zeit plötzlich zu verändern. Man erinnert sich nicht nur an gemeinsame Aufgaben oder an Arbeitstage, sondern an Gesten, an Blicke, an Sätze, die damals nebensächlich wirkten und heute wie kleine Anker sind. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich jemanden innerlich anrufen will, weil ich etwas erzählen möchte und dann kommt dieser kurze, kalte Moment: Geht nicht mehr. Und dann sitze ich da, ganz ruhig nach außen, und innen zieht es einmal durch, wie Wind durch ein offenes Fenster. Vielleicht ist das Trauer. Vielleicht ist es auch Liebe, die keinen Platz mehr findet außer in Erinnerung. Es hat mich demütiger gemacht, auf eine seltsame Art. Nicht klein, aber achtsamer.

Aus dieser Mischung aus Weltlärm, privaten Abschieden und den wirklich guten Momenten wächst bei mir ein Wunschbündel, das sehr klar ist: Eintracht, Gelassenheit, Ehrfurcht, Respekt, Ausgelassenheit. Eintracht heißt für mich nicht, dass alle einer Meinung sind, sondern dass man sich nicht gegenseitig zersägt, nur weil man anders denkt. Gelassenheit heißt nicht Gleichgültigkeit, sondern die Fähigkeit, nicht bei jeder Welle sofort unterzugehen. Ehrfurcht ist dieses stille Staunen vor Leben und Zeit, vor Natur und vor dem, was Menschen tragen können. Respekt ist, andere nicht zu reparieren, wenn sie gerade fühlen, was sie fühlen. Ausgelassenheit ist das Lachen, das keinen Grund braucht, diese Momente, in denen man spürt: Ich bin noch da, und ich darf leicht sein. Dazu kommen für mich Dankbarkeit und Verbundenheit, nicht als Sprüche, sondern als Praxis: ein kleiner, hilfreicher Freundeskreis, wenige Menschen, aber echte; Familie nicht nur als Wort, sondern als Nähe; und immer wieder die Entscheidung, das Gute nicht zu übersehen, nur weil das Schwierige lauter ist.

Weil das Ende des Lebens nicht kalkulierbar ist, will ich gleichzeitig pragmatisch sein. Nicht aus Angst, sondern aus Fürsorge. Ich möchte, dass es für meine Angehörigen leichter ist, falls irgendwann eine schwere Zeit kommt. Dass nicht Chaos und offene Fragen übrig bleiben, sondern Klarheit. Dass Abschied nicht zusätzlich durch Papierkram und Unsicherheit vergiftet wird. Das ist für mich eine sehr nüchterne Form von Liebe: Dinge regeln, solange man es kann. Und während ich das denke, merke ich, wie beruhigend es ist. Nicht, weil es den Tod schön macht, sondern weil es dem Leben Luft gibt.

Meine Bucketlist wächst weiter, aber ich will sie nicht wie eine To-do-Liste behandeln. Da sind große Träume, ganz klar: eine Radreise auf der Route 66 zum Beginn meiner Rente, dieses Abenteuer, das nach Weite riecht, nach staubiger Straße und Freiheit. Und als Abschluss New York mit Martina, als gemeinsames Ziel, als „wir haben das zusammen gemacht“. Aber ich will mir auch die kleinen Dinge nicht kaputtsparen: ein Tag ohne Eile, ein gutes Essen, ein spontaner Ausflug, ein Gespräch, das hängen bleibt, ein Morgen, an dem der Körper nicht streikt. Ich spüre, dass Genuss nicht nebensächlich ist, sondern ein Teil von Gesundheit.

Apropos Gesundheit: Mein Ist-Zustand ist nicht perfekt. Schlafstörungen, orthopädische Probleme, das gehört ehrlich dazu. Aber mein Hebel ist stark: mein Wille und meine Ziele. Ich habe gelernt, dass Motivation schwankt, aber ein klarer Wille bleibt. Ich will besser schlafen, mich stabiler bewegen, den Körper ernst nehmen, bevor er laut werden muss. Und ich will dranbleiben, ohne mich zu überfordern. Ruhig, konsequent, ohne Drama.

Beruflich nehme ich eine Veränderung an. Teilzeit, nur noch das tun, was Spaß macht, Wissen weitergeben, Projekte, die nachhaltig sind und sich gut anfühlen. Kein finanzieller Druck, also auch keine Ausrede mehr, Dinge zu machen, die mich auslaugen. Ich will nicht beschäftigt wirken, ich will sinnvoll leben. Und wenn ich auf 2025 zurückblicke, dann sehe ich kein perfektes Jahr, aber ein ehrliches. Eines, in dem ich gelernt habe, dass man trotz Trauer lachen darf, trotz Weltlage Frieden im Kleinen bauen kann, und trotz der Ungewissheit Pläne machen darf, die das Herz wärmen. 2026 soll nicht „besser“ werden wie ein Wettbewerb, sondern bewusster. Mehr Eintracht im Nahen, mehr Gelassenheit im Kopf, mehr Ehrfurcht vor der Zeit, mehr Respekt im Miteinander und bitte, wenn möglich, auch mehr Ausgelassenheit, weil das Leben nicht nur schwer sein darf.

Bleibt alle Gesund. 

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