Geburtstag zwischen Regenwolken, Fröschen und guten Freunden
Aus dem kleinen Bach vor unserer Herberge war über Nacht ein reißendes Flüsschen geworden. Das leise Rauschen vom Vorabend hatte sich in ein beeindruckendes Getöse verwandelt. Die Wassermassen schossen talwärts, als hätten sie es eilig, irgendwo einen Termin einzuhalten.
Noch bevor ich die Augen richtig geöffnet hatte, öffnete Martina die Badezimmertür. Sofort strömte der Duft von Duschgel in den Raum. Vermischt mit der feuchten, schweren Morgenluft, die durch das gekippte Fenster hereinwehte, entstand eine Mischung, die mich augenblicklich aus dem Bett lockte.
Auf dem Weg die drei Etagen hinunter zeigte uns die Nase den Weg. Mit jeder Stufe wurde der Kaffeeduft intensiver. Irgendwo tief im Gedächtnis meldete sich eine alte Werbung zurück: „Jacobs Kaffee… wunderbar.“ Recht hatte sie.
Das Frühstück war einfach, ehrlich und ausreichend. Keine Show, keine exotischen Superfoods, keine zehn Sorten Chiasamen. Frische Brötchen, guter Kaffee und alles, was man braucht, um in den Tag zu starten.
„Alles Gute zum Geburtstag!“, sagte ich und schob Martina die Kaffeetasse hinüber.
Sie blickte kurz aus dem Fenster auf die grauen Wolken und lachte. „Danke. Vielleicht schenkt mir das Wetter später noch ein paar trockene Minuten.“
„Optimismus steht dir gut“, antwortete ich. „Den werden wir heute vermutlich brauchen.“
Draußen allerdings hatte das Wetter andere Pläne.
Minutenweise prasselten heftige Regenschauer auf Dächer, Straßen und Wiesen. Rausgehen? Keine Begeisterung. Bleiben? Leider keine Option. Wir konnten nicht einfach eine weitere Nacht im Zimmer verbringen. Martina versuchte sogar noch im Nachbarhotel ein Zimmer zu organisieren. Ohne Erfolg.
Heute hatte Martina Geburtstag.
Und ausgerechnet heute schien Petrus beschlossen zu haben, den gesamten Wasservorrat des Allgäus über uns auszukippen.
Noch am Morgen war die Alpe Sorg 2 als Wander- und Einkehrziel fest eingeplant gewesen. Ein schöner Geburtstagsausflug mit Aussicht, Kaiserschmarrn und Bergpanorama. Um acht Uhr stand der Plan noch. Gegen neun Uhr war er Geschichte.
Manchmal gewinnt eben der Regen.
Also machten wir das Beste daraus. Skip-Bo-Karten auf den Tisch. Kaffee nachschenken. Aus dem Fenster schauen. Hoffen. Warten.
„Wenn ich jetzt gewinne, zählt das als Geburtstagsbonus“, verkündete Martina.
„Von wegen. Beim Skip-Bo gibt es keine Sonderrechte“, erwiderte ich.
Erst gegen 13:30 Uhr beschlossen wir aufzubrechen. Der nächste Campingplatz lag rund 25 Kilometer entfernt.
Die kleinen Gebirgsbäche entlang unserer Strecke hatten ihr Gesicht völlig verändert. Gestern noch glasklar mit grünlichen und bläulichen Farbtönen, heute schlammbraun, wild und aufgewühlt. Weiße Schaumkronen tanzten auf den Wasseroberflächen. Die Natur zeigte eindrucksvoll, wer hier das Sagen hat.
Bei gerade einmal 14 Grad und leichtem Schiebewind rollten wir über Wertach in Richtung Nesselwang. Die meiste Zeit ging es leicht bergab. Wir mussten kaum treten und ließen uns durch die Landschaft tragen.
Dabei herrschte eine eigentümliche Stille.
Keine Lerchen. Kein Amselgesang. Keine Schwalben.
Nur das gleichmäßige Rauschen der Blätter im Wind. Und hin und wieder meldete sich aus der Ferne der Kuckuck mit seinem unverwechselbaren Ruf.
Gerade in solchen Regenperioden zeigt sich übrigens, warum die Bewässerung und Durchfeuchtung von Wiesen und Feldern für die Natur so wichtig ist. Die Niederschläge füllen Bodenwasserspeicher auf, versorgen Pflanzen mit Feuchtigkeit und fördern das Wachstum der Gräser. Für die Landwirte sind diese Regenphasen oft entscheidend, damit ausreichend Futter für Kühe und andere Nutztiere nachwachsen kann. Auch ökologisch erfüllen sie eine wichtige Funktion. Regenwasser versickert im Boden, speist das Grundwasser und versorgt zahlreiche Insekten, Amphibien und Kleinstlebewesen mit den notwendigen Lebensräumen. Was für uns Radfahrer manchmal unerquicklich erscheint, bedeutet für viele Pflanzen und Tiere schlicht Leben.
Ein großer Teil der Strecke verlief entlang einer Landstraße. Wenig spektakulär, dafür mit hervorragendem Belag. Im Wald dagegen wurde die Fahrt deutlich anspruchsvoller. Matschige Passagen, tiefe Pfützen und rutschige Wurzeln verlangten volle Aufmerksamkeit.
Die Landschaft war weitgehend eben, teilweise leicht ansteigend.
Nicht anstrengend.
Aber eintönig.
Und genau dann beginnt der Kopf zu arbeiten.
Es ist erstaunlich, welche Gedanken einem auf solchen Abschnitten durch den Sinn gehen. Fragen über die Vergangenheit. Über Entscheidungen. Über Menschen, die man lange nicht gesehen hat. Über Ziele, die noch vor einem liegen. Vielleicht liegt genau darin ein besonderer Reiz des Radreisens. Der Körper bewegt sich vorwärts und der Kopf bekommt Raum, sich ebenfalls auf den Weg zu machen.
Heute folgten wir zudem einem Abschnitt der Radrunde Allgäu, die wir vor einigen Jahren bereits komplett gefahren sind. Damals allerdings in entgegengesetzter Richtung.
Wer Lust hat, kann den damaligen Reisebericht hier nachlesen:
Radrunde Allgäu – Reisebericht 2023
Wenn sich heute zwischen den dunklen Wolken einmal ein Stück blauer Himmel zeigte und weiße Wolkenfetzen sichtbar wurden, wirkte das beinahe wie ein Geschenk. Ein kleiner Hoffnungsschimmer. Doch sowohl die Wettervorhersage als auch die Wolkenwände vor und hinter uns machten deutlich, dass der Regen noch lange nicht fertig mit uns war.
In Nesselwang gönnten wir uns deshalb eine ausgedehnte Kaffeepause beim Bäcker Lipp.
Eine hervorragende Entscheidung.
Die Kuchentheke wirkte wie ein kleines Kunstmuseum für Kalorienliebhaber. Cremeschnitten, Obstkuchen, Sahnetorten, Streuselkuchen und weitere Versuchungen reihten sich aneinander. Wer dort nichts findet, sollte möglicherweise seinen Puls überprüfen lassen.
„Geburtstagstorte oder gleich drei Stück Kuchen?“, fragte ich.
Martina musterte die Auslage. „Heute stelle ich keine vernünftigen Entscheidungen in Aussicht.“
Wenige Minuten später standen tatsächlich mehr Kalorien auf dem Tisch, als wir ursprünglich geplant hatten.
Gestärkt ging es weiter.
Vorbei an einsam gelegenen Bauernhöfen, weit entfernt vom nächsten Dorf. Die typischen Allgäuer Häuser mit ihren flachen Winkeldächern, den weit heruntergezogenen Giebeln und den schindelverkleideten Fassaden fügten sich harmonisch in die Landschaft ein. Manche Höfe wirkten, als würden sie dort schon seit Jahrhunderten Wind, Wetter und Winter trotzen.
Am späten Nachmittag erreichten wir den Campingplatz am Schwaltenweiher.
Ein echter Glücksgriff.
Direkt am Wasser gelegen. Große Bäume spendeten Schatten. Hohe Sträucher schützten vor Wind. Die freie Platzwahl ermöglichte uns einen schönen Stellplatz mit Blick auf den See. Alles wirkte sauber, gepflegt und angenehm ruhig.
Doch damit war die Geburtstagsüberraschung noch längst nicht beendet.
Am Abend trafen überraschend Gäste ein.
Gemeinsam saßen wir direkt am Ufer bei einem Aperitif. Es wurde gelacht, erzählt und über die letzte Hochzeit gesprochen. Erinnerungen wurden ausgetauscht, Geschichten ausgeschmückt und manche Ereignisse wahrscheinlich etwas dramatischer dargestellt als sie tatsächlich gewesen waren. So wie es unter guten Freunden eben üblich ist.
„Weißt du noch, wie lange wir damals nach dem Brautstrauß gesucht haben?“, fragte einer der Freunde.
„Gesucht?“, kam die Antwort. „Ihr habt ihn doch selbst verlegt.“
Gelächter ging rund um den kleinen Tisch am Seeufer.
Später krochen wir zufrieden in unser Zelt.
Doch an Schlaf war zunächst nicht zu denken.
Über uns spannte sich ein glasklarer Sternenhimmel. Millionen Sterne funkelten über dem Schwaltenweiher. Aus dem Schilf erklang das vielstimmige Konzert der Frösche. Manche quakten basslastig, andere eher wie übermotivierte Chorsänger kurz vor der Premiere.
„Hörst du das?“, flüsterte Martina.
„Die Frösche?“
„Nein, den perfekten Abschluss für diesen Tag.“
Wir lauschten lange.
Nach dem Regen.
Nach dem Wind.
Nach einem Geburtstag, der ganz anders verlaufen war als geplant.
Und vielleicht gerade deshalb besonders schön geworden war.
Romantik pur im Allgäu.