6.Tag Se(h)enrunde im Alpenvorland

Die Nacht war sternenklar, trocken und windstill. Über uns spannte sich ein Himmel, der so klar war, dass man fast meinte, jemand hätte die Sterne frisch geputzt. Kein Rascheln im Zelt, kein Rütteln an den Heringen, kein Tropfen auf der Plane. Nur die Frösche meldeten sich vom See her zu Wort. Nicht laut, nicht störend, eher wie ein kleines, grünes Nachtorchester, das uns langsam und angenehm in den Schlaf quakte.

Am Morgen saßen wir direkt neben unserem Zelt an einem Tisch mit Bank am Ufer. Vor uns der See, glatt und ruhig, darüber die frische Morgenluft. Das Frühstück war einfach, aber genau richtig. Brot, Kaffee, Ruhe, Wasserblick. Mehr braucht es manchmal nicht. Der See lag vor uns wie ein Versprechen, und wir nahmen uns Zeit. Keine Hektik, kein Aufbruch auf Kommando, sondern dieses seltene Gefühl, dass der Tag ruhig warten darf, bis wir fertig sind.

Dann kam er. Vielleicht sieben Jahre alt, ungefähr eins zwanzig groß, barfuß, kurze blonde Haare, strahlend blaue Augen, ein paar rötliche Schimmer im Haar und so viele Sommersprossen im Gesicht, als hätte ihm die Sonne persönlich eine Extraportion Lebensfreude geschenkt. Er trug eine kurze bayerische Lederhose und ein T-Shirt, auf dem sinngemäß stand, dass er Bagger fahren könne. Man glaubte es ihm sofort.

Er blieb vor uns stehen, musterte uns ernst und fragte:

„Habts ihr scho an Frosch gfangt?“

Ich sah ihn an. „Nein, bisher noch nicht. Müssen wir das?“

Er nickte, als hätte ich gerade eine Bildungslücke offenbart.

„Ja freili. Des Jahr derfst an mit hoam nemma. Dann host a neis Haustier.“

Martina grinste. „Und was sagt der Frosch dazu?“

Der Kleine überlegte kurz. Sehr kurz.

„Der freut si bestimmt. Bei mir is schee. I hob a Sandkastn.“

„Und was frisst so ein Frosch bei dir?“

„Mugga. Und vielleicht a bissl Wurst, wenn er brav is.“

Ich sagte: „Dann lassen wir ihn lieber hier. Hier hat er Mücken, Wasser und Kollegen.“

Der Junge sah zum See, dann zu uns und zuckte mit den Schultern.

„Jo, vielleicht besser. Ober wenn oana freiwilli mitgeht, dann sagts Ma Bscheid.“

Damit drehte er sich um und stapfte barfuß davon, als hätte er gerade eine wichtige Vertragsverhandlung geführt. Wir lachten noch lange darüber. Dieser kleine Kerl hatte mit wenigen Sätzen den Morgen veredelt.

Bei 17 Grad rollten wir entspannt los Richtung Roßhaupten, Hopfen am See und weiter durch das Alpenvorland. Die Luft war frisch, aber nicht kühl. Genau diese Temperatur, bei der der Körper wach wird, ohne zu frieren. Eine längere Passage führte uns über geschüttete landwirtschaftliche Wege durch den Wald. Der Untergrund knirschte unter den Reifen, kleine Steine sprangen zur Seite, und immer wieder öffnete sich der Blick auf Blumenwiesen, die wie gemalte Teppiche zwischen Wald, Hügeln und Feuchtstellen lagen.

Gerade in feuchteren Gebieten entstehen solche Wiesen, weil der Boden dort Wasser länger hält und eine intensive landwirtschaftliche Nutzung schwieriger ist. Wo nicht ständig gedüngt, gepflügt oder zu früh gemäht wird, können sich Pflanzen halten, die anderswo längst verdrängt wurden. Kuckucks-Lichtnelken leuchten rosa, Sumpfdotterblumen setzen gelbe Punkte, Wiesenschaumkraut zieht helle Schleier über die Flächen, Mädesüß duftet später im Jahr süßlich und schwer, während Glockenblumen, Margeriten und verschiedene Kleearten Farbe und Leben hineinbringen. Die Hauptblütezeit liegt je nach Lage meist zwischen Mai und Juli. Dann summt, krabbelt und flattert es überall. Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Käfer finden Nahrung, Vögel finden Insekten, und die Wiese wird zu einem kleinen, unscheinbaren, aber hochwirksamen Lebensraum.

Man riecht dort nicht einfach nur Gras. Man riecht feuchte Erde, Blütenstaub, warm werdende Halme, ein bisschen Moor, ein bisschen Heu, ein bisschen Sommer, der noch nicht ganz angekommen ist. Diese Wiesen sind keine Dekoration. Sie sind Rückzugsorte. Kleine Arche-Noah-Flächen in einer Landschaft, die vielerorts immer ordentlicher, glatter und ärmer geworden ist.

Heute war Feiertag in Bayern. Fronleichnam. In den Orten sah man, wie sich die Menschen vorbereitet hatten. An Fenstern hingen festliche Tücher und Fahnen, an Giebeln waren Bilder und Schmuck angebracht, vor Häusern standen kleine Altäre und Segensstationen. Manchmal lagen Blumenteppiche auf dem Weg, sorgfältig gelegt aus Blüten, Gräsern und grünen Zweigen. Nichts daran wirkte zufällig. Es war dieses katholische Bayern, das man nicht erklären muss, wenn man dort aufgewachsen ist, das einen aber beeindruckt, wenn man bewusst hindurchfährt.

Fronleichnam ist das Hochfest des Leibes und Blutes Christi. Im Mittelpunkt steht die geweihte Hostie, die in einer Monstranz durch die Straßen getragen wird. Der Pfarrer geht feierlich mit ihr voran oder inmitten der Prozession, begleitet von Ministrantinnen und Ministranten, von Fahnenabordnungen, Vereinen, Musikkapellen und Gläubigen. Über der Monstranz wird oft ein Baldachin getragen, der sogenannte Himmel. Vier Männer halten ihn an Stangen, manchmal in festlicher Tracht, manchmal in dunklen Anzügen. Die Farben können je nach Ort und Brauch unterschiedlich wirken: weiß, gold, rot, blau, grün. Weihrauch liegt in der Luft, Glocken läuten, Gebete und Gesänge ziehen durch die Straßen. An den Stationen wird gehalten, gebetet und gesegnet. Es ist Glaube, Tradition, Dorfleben und sichtbare Gemeinschaft zugleich.

Auch der Wald erzählte an diesem Tag seine eigene Geschichte. Mir fiel auf, dass in aufgeforsteten Bereichen nicht mehr nur eine Baumart gesetzt wurde. Man sah verschiedene Kulturen an einem Platz: Laubbäume neben Nadelbäumen, junge Buchen, Ahorn, Tannen, Fichten, vielleicht auch Lärchen. Man geht weg von der reinen Monokultur. Das ist klug. Ein Wald, der nur aus einer Art besteht, ist anfälliger für Hitze, Trockenheit, Stürme und Schädlinge. Ein gemischter Wald ist widerstandsfähiger. Er sieht vielleicht unordentlicher aus, aber genau diese Unordnung ist seine Stärke.

Versteckt an einem Hang entdeckten wir einen alten Holzschlitten. Kein Spielzeug, kein Dekostück, sondern ein echtes Arbeitsgerät aus einer anderen Zeit. Mit solchen Schlitten wurde früher Holz aus höheren Lagen nach unten gebracht, besonders im Winter, wenn Schnee und gefrorener Boden den Transport erleichterten. Der Schlitten war handgemacht, schwer, stabil und ehrlich. Seine Halterungen waren fast oberarmdick, grob behauen, aber mit sicherem Gefühl geformt. Die Kufen waren nicht einfach gebogenes Holz, sondern Ergebnis echter Handwerkskunst. So etwas baute ein Wagner oder Stellmacher, ein Handwerker, der wusste, wie Holz arbeitet, wie Lasten verteilt werden und wie ein Gerät halten muss, wenn es nicht im Schaufenster steht, sondern im Wald über Leben, Arbeit und Sicherheit entscheidet.

An einer anderen Stelle standen zwei Bäume eng beieinander, fast ineinander verwachsen. Eine helle Birke mit ihrer weißen, aufplatzenden Rinde, schwarz gezeichnet wie mit Kohle, und daneben ein dunkleres Nadelholz mit rauer, schuppiger Borke. Ihre Stämme hatten sich über Jahre berührt, gedrückt, angepasst. Kein schneller Kuss, sondern eine jahrzehntelange Umarmung. Die Birke, leicht, hell, fast tänzerisch. Das Nadelholz, dunkler, ernster, standhafter. Wo sie sich berührten, waren ihre Formen nicht mehr sauber voneinander zu trennen. Rinde hatte gegen Rinde gearbeitet, Wind hatte sie aneinander gerieben, Wachstum hatte sie zusammengeführt.

So ein Prozess dauert viele Jahre, oft Jahrzehnte. Am Ende setzt sich meist der Baum durch, der langfristig mehr Licht bekommt, tiefer wurzelt, stabiler steht und besser mit Trockenheit, Schatten und Konkurrenz umgehen kann. Die Birke ist schnell, mutig und lichtliebend. Sie erobert Flächen früh. Das Nadelholz kann, je nach Art, langsamer sein, aber ausdauernder. Wer gewinnt, entscheidet nicht Romantik, sondern Licht, Wasser, Boden, Sturm und Zeit. Trotzdem sah dieses Paar aus, als würde es nicht ums Gewinnen gehen. Eher darum, gemeinsam so lange wie möglich stehen zu bleiben.

Am Wegesrand sahen wir auch ein Marterl. In Bayern meint man damit kein Tier und keinen Marder, sondern ein religiöses Zeichen am Weg: ein Kreuz, ein Bildstock oder eine kleine Gedenktafel. Solche Marterl werden oft von Angehörigen errichtet, manchmal zum Dank für überstandene Gefahr, manchmal zur Erinnerung an einen Unfall oder einen Menschen, der an dieser Stelle gestorben ist. Sie sind stille Mahner. Man fährt daran vorbei, sieht eine Kerze, ein Bild, vielleicht frische Blumen, und plötzlich wird die Landschaft persönlicher. Der Weg ist dann nicht mehr nur schön. Er hat Geschichte.

Und dann waren da noch die Bienen. Sie arbeiteten leise und unbeirrbar in den Wiesen, als hätten sie mit Feiertagen nichts am Hut. Für sie zählt, was blüht. Jede Blüte ist Nahrung, jede Wiese ein Versprechen. Ohne diese kleinen Tiere wäre vieles von dem, was uns schön erscheint, nur noch Kulisse ohne Zukunft.

Roßhaupten begegnete uns mit seinem Drachen. Der Ort nennt sich nicht zufällig Drachendorf. Hintergrund ist die Magnus-Sage. Der heilige Magnus soll hier der Legende nach ein drachenartiges Untier bezwungen haben. Heute ist daraus ein heimatkundlicher Drachenweg entstanden, ein Weg zwischen Sage, Landschaft und Ortsgeschichte. Der Drache steht dabei nicht nur für ein Märchenwesen, sondern auch für das, was Menschen früher nicht greifen konnten: Angst, Gefahr, Naturgewalt, dunkle Schluchten, Wasser, Sturm, Unwetter. Manchmal braucht der Mensch Bilder, um das Gewaltige der Natur begreifen zu können.

Und gewaltig kann Natur sein. Auch der Wind gehört dazu. Man sieht einen Stadel auf dem Land und denkt: dicke Balken, schwere Ziegel, was soll da schon passieren? Dann kommt ein Sturm mit Böen. Der Wind drückt nicht nur gegen ein Dach, er saugt auch daran. Über dem Dach entsteht Unterdruck, darunter kann Überdruck wirken, besonders wenn Türen oder Öffnungen Wind hineinlassen. Dann hebt es Ziegel an, erst einen, dann mehrere. Es braucht keine Magie, nur Geschwindigkeit, Druckunterschiede und den richtigen Winkel. Was jahrzehntelang fest lag, kann in Sekunden fliegen. Demut vor der Natur ist deshalb keine romantische Floskel. Sie ist gesunder Menschenverstand.

Rechts von uns zeichneten sich die Höhenzüge der Alpen ab. Am Vormittag lagen die Gipfel unter einem bewölkten Himmel, nicht klar und hart, sondern weich, blau-grau, fast verwischt. Davor schoben sich grüne Hügel, Wiesen und Wälder wie Bühnenbilder ineinander. Die Silhouetten der Berge wirkten mal nah, mal fern, je nachdem, wie das Licht durch die Wolken brach. Dieses Panorama begleitete uns, ohne sich aufzudrängen. Es war einfach da. Groß, ruhig, überlegen.

Später machten wir Kaffeepause im Café Central in Peiting. Die Terrasse war voll, die Stimmung lebendig. Auf den Shirts der Mitarbeitenden stand der Slogan: „Wo der Lech die Ammer küsst.“ Das klingt erst einmal nach Tourismuswerbung, aber an diesem Tag passte es. Zwei Flüsse, eine Landschaft, viele Radfahrer, Kuchenhungrige und Menschen, die alle irgendwie zufrieden wirkten.

Das Kuchenbuffet war reichhaltig, frisch und gnadenlos verführerisch. Riesige Stücke lagen dort, als hätten sie nur darauf gewartet, schwache Radfahrerseelen zu prüfen. Cremig, fruchtig, schokoladig, kalorienreich. Die Wartezeit davor war allerdings ebenfalls gnadenlos. Man stand da, starrte auf diese Prachtexemplare von Kuchen und merkte, wie die eigene Geduld mit jedem vor einem bestellten Stück kleiner wurde. Irgendwann war klar: Das hier ist keine Schlange, das ist eine charakterbildende Maßnahme.

In Peiting buchten wir auch die Herberge für den Abend. Noch etwa zwanzig Kilometer lagen vor uns. Und ehrlich: Das war die beste Strecke der Reise. Die Wege waren gut ausgebaut, die Landschaft weit, der Rhythmus stimmte. Die letzten fünfzehn Kilometer rollten fast von allein. Beine, Rad, Straße und Kopf waren sich einig. So darf ein Tag weitergehen.

Am Nachmittag kam vor dem Gewitter die Sonne heraus. Nicht freundlich, nicht zärtlich, sondern direkt und ohne Gnade. Sie brannte auf Arme, Gesicht und Nacken, und ehe man sich versah, hatte sie uns einen Sonnenbrand geschenkt. So ist das Wetter auf Tour: Am Vormittag denkt man noch über Regenjacken nach, am Nachmittag über Sonnencreme, und abends darf man sich wahrscheinlich wieder auf Gewitter einstellen. Der Regen konnte in der Nacht ruhig kommen. Die Natur würde ihn brauchen und dankbar aufnehmen.

Unser Ziel war Peißenberg, der Gasthof Metzgerei Zur Post. Eine Herberge, wie man sie in Bayern erwartet und dann doch wieder staunend betrachtet. Urig, gewachsen, immer wieder erweitert. Kein glattgebügeltes Hotelkonzept, sondern ein Haus mit Geschichte, Ecken, Winkeln und eigener Meinung. Zwei große Säle, mehrere Gaststuben, viel Holz, viel Betrieb und irgendwo noch ein vergilbtes Jugendschutzgesetz aus dem Jahr 2015, das offenbar beschlossen hatte, einfach Teil der Einrichtung zu bleiben.

Beim großen Salatbuffet wurde das Dressing in Maßkrügen angeboten. Das muss man Bayern lassen: Selbst Salatsoße bekommt hier eine gewisse Wirtshauswürde. Man steht davor, nimmt sich Salat und gießt Dressing aus einem Krug, aus dem andernorts Bier fließt. Praktisch, bodenständig und irgendwie großartig.

Dieser Tag war besonders. Nicht laut spektakulär, nicht dramatisch im Sinne von Gefahr, sondern reich. Reich an Bildern, Begegnungen, Gerüchen, Landschaften, Geschichten und kleinen Momenten. Der Junge mit dem Frosch. Die Blumenwiesen. Die Prozessionsvorbereitungen. Der alte Holzschlitten. Die zwei Bäume in ihrer stillen Umarmung. Die Alpen rechts von uns. Der Kuchen in Peiting. Die Sonne, der Sonnenbrand, die Ahnung von Gewitter.

Wir waren zufrieden. Entspannt, ausgeglichen und dankbar. Solche Tage kann man nicht planen. Man kann nur losfahren, aufmerksam bleiben und hoffen, dass man sie erkennt, wenn sie passieren.

2 Antworten zu “6.Tag Se(h)enrunde im Alpenvorland”

    • Hallo lieber Luke,

      vielen Dank für deine Nachricht. Ich habe mich riesig darüber gefreut!

      Weißt du eigentlich, warum ich mich besonders freue? Das ist die erste Nachricht, die du ganz alleine auf dem Handy geschrieben hast. Das ist etwas ganz Besonderes. Ich bin richtig stolz auf dich!

      Und noch etwas ist mir aufgefallen: Du kannst schon so gut lesen und schreiben. Vor gar nicht langer Zeit hast du die Buchstaben gelernt, und jetzt schreibst du mir schon eigene Nachrichten. Das ist wirklich toll.

      Wir haben hier einen schönen Urlaub und denken oft an dich. Bestimmt erleben wir dir nach unserer Rückkehr wieder viele spannende Abenteuer. Vielleicht erzählst du mir dann auch, was du alles erlebt hast.

      Sei ganz lieb gegrüßt und lass es dir gut gehen.

      Dein Robert

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